Die Studios von Al Jazeera ähneln einer Fata Morgana. Mitten in der Wüste taucht das nagelneue Gebäude des Senders aus dem Nichts auf, ein paar Autominuten von Doha entfernt, der Hauptstadt von Qatar. Draußen sind es 40 Grad im Schatten, in den gut bewachten Studios laufen die Klimaanlagen auf Hochtouren. Hier werden rund um die Uhr die derzeit aufregendsten Nachrichtensendungen in arabischer Sprache produziert. Über Satellit erreichen sie die ganze Welt.

Mohammed al-Ali nimmt gern das Wort von der "Revolution" in den Mund. Gehüllt in eine schneeweiße Dschellaba, ruft der Direktor von Al Jazeera in Erinnerung, dass die Menschen im Nahen Osten noch bis vor kurzem westliche Medien konsumierten, wenn sie wissen wollten, was in ihren Ländern passiert. Denn den staatlich gelenkten Fernsehstationen mit ihrer oft peinlichen Hofberichterstattung traute keiner.

Die treibende Kraft hinter Al Jazeera ist der junge Emir von Qatar, Hamad ibn Khalifa Al Thani, der seinen Vater 1995 nach einem unblutigen Palastputsch abgelöst hat. Gleich nach der Machtübernahme stellte der Absolvent der britischen Militärakademie Sandhurst seinen Reformwillen unter Beweis: Er schaffte das Informationsministerium ab und löste die Zensurbehörde auf.

Zufällig kam es kurz darauf zum Zerwürfnis zwischen dem saudi-arabischen Satellitenkanal Orbit und seinem Vertragspartner BBC. Ihr Gemeinschaftsprojekt war unter anderem an der heiklen Frage der Berichterstattung über die saudische Herrscherfamilie gescheitert, und nun waren die Journalisten der BBC auf der Suche nach einem neuen Job in der Region. Sie wurden nach Qatar geholt, um dort am Aufbau des "CNN des Nahen Ostens" mitzuwirken.

Ein Redakteur erinnert sich an die ermunternden Worte, die der Emir bei seinem ersten Besuch fand: "Versucht von Anfang an, so frei zu berichten wie möglich, denn diese Spanne wird sich dann nicht mehr ausdehnen lassen." Nach der Vorstellung des Emirs sollte Al Jazeera der Region "mehr Sauerstoff zum Atmen" geben - und zugleich dem kleinsten der Golfstaaten einen Namen machen. Eine bessere PR-Kampagne hätte er sich für sein Land kaum ausdenken können.

Rund 80 Journalisten arbeiten in Doha, sie stehen in Kontakt mit Korrespondenten in aller Welt. Der Schwerpunkt aber liegt in der Berichterstattung über den Nahen Osten. "Hier finden wir unser Publikum. Wir haben alle die gleiche Sprache und die gleiche Religion, das macht unsere Arbeit glaubwürdig", betont al-Ali. Weil sich mit Al Jazeera ein breites arabisches Publikum erreichen lässt, wählte es Saddam Hussein nach den amerikanischen Bombardierungen während der Operation Wüstenfuchs 1998 als Sprachrohr. Auch Irans Präsident Khatami, der nur höchst selten vor die Kameras tritt, richtete über den Sender aus Qatar einen Appell an den Westen.

Von sich reden machen aber nicht nur die Nachrichten, sondern ebenso die abendlichen Talkshows, in denen Themen besprochen werden, die in den herkömmlichen arabischen Medien kaum vorkommen: Demokratiedefizite, Folter in den Gefängnissen, Unterdrückung von Frauen, Sexualität, Korruption oder das Schicksal "verschwundener" politischer Opponenten. Die populärste Sendung heißt Entgegengesetzte Richtungen und wird von Faisal al-Kasim moderiert, einem Syrer, der mittlerweile zum Star des Senders aufgestiegen ist.