Mit einer Cohiba und einem Glas Champagner feierten der Kanzler und seine Helfer in einem Berliner Club ihren Wahlsieg. 37 Prozent der Wahlberechtigten hatten dem Christdemokraten ihre Stimme gegeben. Für die Sozialdemokraten endete die Wahl in einem Desaster: Die rote Säule mit 0,92 Prozent war in der Grafik kaum zu sehen.

Diese Wahl fand wirklich statt, und zwar im Internet. Mit einfacher Mehrheit wurde "General T" von der CIP, der Christdemokratischen Internet-Partei, zum ersten Internet-Kanzler gewählt. Auf den Plätzen folgten "esilke" von den Grünen im Internet (GII) und "Malta" von der Liste Internet den Liberalen (IDL). So hat das Wahlvolk der Politik-Community democracy online today , kurz dol2day, entschieden.

Mit etwas Geduld, Geschick und Durchsetzungsvermögen kann man es bis zum Internet-Kanzler bringen. Dazu benötigt man - wie im richtigen Leben - Macht sowie das Vertrauen des Volkes. Beides gilt es in Form von "Bimbes" und "dol-Points" während der zweimonatigen Wahlperiode zu sammeln.

Den Bimbes erhält man hier allerdings nicht im neutralen Aktenkoffer, sondern man muss sich dafür abstrampeln - durch die Teilnahme an Abstimmungen oder durch das Verfassen von Beiträgen und Umfragen. Man kann sich den Bimbes aber auch durch die schiere Anwesenheit in der Community ersitzen. Die dol-Points sind der "politische IQ" der User, sie errechnen sich aus der Anzahl der Personen, die einem Vertrauen entgegenbringen, und der Bimbessumme. Die dol-Rangliste führte am Wahltag Stecki (CIP) mit 1 488 914 Punkten an. Dafür hatte er sich 7566 Minuten (über fünf Tage) in der Community aufgehalten, 32 Umfragen gestartet, etwa zu der Frage: "Warum diskutierst Du bei dol2day?", und 1535-mal seine Meinung abgegeben.

Von Politikverdrossenheit ist bei dol2day nichts zu spüren

Fünf Aachener Informatik- und ein Medizintechnikstudent haben das ambitionierte politische Online-Projekt ersonnen. "Die Idee entstand aus unserem Interesse an Politik. Wir wollten eine Plattform anbieten, auf der direkte Demokratie gelebt werden kann", sagt Mitinitiator Andreas Hauser. "Das Interesse an dol2day ist so schnell gewachsen, dass wir gar nicht mehr mit dem Lesen der Umfragen und dem Programmieren hinterherkommen." Das Online-Volk soll mehr Macht erhalten, dem Kanzler soll vielleicht ein Kabinett zur Seite gestellt werden, und die Parteien sollen den Bimbes ihrer Mitglieder für Wahlwerbung verwenden dürfen. Irgendwann wollen die dol2day-Pioniere für ihre Arbeit auch richtiges Geld sehen - wenigstens für ihren Zeitaufwand wollen sie sich mit Einnahmen aus Werbebannern entschädigen. Nun ist General T, im RL der Jurastudent Tim Peters, für die CIP erst mal ins "K@nzleramt" eingezogen. Seine Aufgaben umfassen unter anderem die Vorbereitung und Durchführung von "Aktionen", das sind virtuelle Unterschriftenlisten, deren Ergebnisse an Medien, Politiker und Lobbyisten weitergeleitet werden sollen. Denn dol2day will sich nicht völlig auf die virtuelle Welt beschränken.

Das sieht auch Kanzler Peters so, der auch im RL Mitglied der CDU ist. "Ich werde versuchen, Debatten über Themen wie eine Internet-Steuer oder niedrigere Online-Kosten anzustoßen, die in der realen Politik von Interesse sind." Er hat auch schon Angela Merkel, Friedrich Merz sowie den JU-Vorsitzenden von Bayern, Markus Söder, zum Chat eingeladen.