Die Erbinformation der Bazille ist schon seit drei Jahren entziffert. Beim Durchleuchten der 4,1 Millionen DNA-Bausteine - gerade mal ein gutes Promille des Menschengenoms - stießen die Forscher auf rund 4000 Gene. Fast die Hälfte von ihnen war völlig unbekannt. Obwohl die Anzahl der Gene der Mikrobe damit wohl 20-mal kleiner ist als die des Menschen, konfrontiert die Vielfalt der bakteriellen Gen- und Eiweißfunktionen die Forscher mit ständig neuen Rätseln. Hecker konstatiert, die ursprüngliche Illusion, man habe die Molekularbiologie von Bacillus subtilis verstanden, sei verflogen. Vielmehr wäre offenkundig: "Sie muss zur Hälfte neu geschrieben werden."

Mit Weitsicht und guten Beziehungen hatte Hecker es schon zu DDR-Zeiten geschafft, seine zukunftsweisenden Untersuchungen in Angriff zu nehmen. "Eigentlich konnte man damals solche Experimente nicht durchführen", erzählt der inzwischen zum Leiter des Instituts für Mikrobiologie avancierte Forscher. "Die erforderlichen Chemikalien bekam man normalerweise nicht." Er hatte jedoch einen Freund in der Ostberliner Materialverwaltung: "Der rief mich an und sagte: Du kannst dir das Zeug abholen." Mit den kostbaren Reagenzien konnte Heckers Forscherteam gewissermaßen Momentaufnahmen aller Zelleiweiße schießen. Zweidimensionale Gel-Elektrophorese heißt das Verfahren, und damit begann Hecker die zeitliche Veränderung der Eiweißzusammensetzung in den Bakterien zu protokollieren. Zusätzlich variierte er deren Umweltbedingungen: Welche Eiweiße tauchen in der Zelle bei Zuckermangel auf? Oder bei erhöhtem Sauerstoffgehalt? Chronologisch aneinander gereiht, entstehe aus den Standbildern des Stoffwechsels "ein Film des Lebens", schwärmt Hecker.

Inzwischen laufen in Greifswald alle Erkenntnisse der weltweiten Bacillus subtilis- Forschung zusammen - auch die Proteomdatenbank für die Bakterie wird dort verwaltet. Bis heute haben die Forscher erst ein Drittel aller Eiweiße der Bazille dingfest machen können. Doch inzwischen kennen sie wichtige Teile des Zellgeschehens - genug, um das Interesse der Wirtschaft zu wecken. "Viele große Unternehmen haben sich bei uns gemeldet", sagt Heckers Mitarbeiter Thomas Schweder.

Der Grund für die industrielle Neugier ist einfach. Bacillus subtilis und Konsorten dienen als emsige biologische Produktionsknechte: Für Novo Nordisk, Henkel oder BASF stellen die Bakterien Antibiotika, Waschmittelenzyme oder Aminosäuren her. Und Pharmaforscher suchen in den Bazillen nach Angriffspunkten und Wirkmechanismen für neue Antibiotika, Biotechnikfirmen fahnden in solchen Mikroorganismen nach neuen, technisch nutzbaren Enzymen.

Die Mikrobendompteure versprechen sich von der Proteomtechnik vor allem eine bessere Überwachung ihrer winzigen Produzenten: Proben aus den Bioreaktoren können künftig schneller auf Genaktivität und Proteinmuster untersucht werden - eine Art Gesundheitscheck für die Arbeitstiere in den Fermentern. Aus dem Eiweißmuster lassen sich beispielsweise Nährstoffmangel, Sauerstoffmenge oder die Bakteriendichte in den Reaktoren ablesen. Wer diese Kunst beherrscht, kann ständig die Produktionsbedingungen optimieren.

Roboter und Rechner sollen die Rätsel des Lebens lösen

Von solch praxisnahen Kenntnissen sind die Wissenschaftler beim menschlichen Proteom noch meilenweit entfernt. Nun sollen brachiale Methoden den Fortschritt erzwingen: Mit geballter Robotermacht und nochmals massiv gesteigerter Rechnerleistung wollen Analytiker und Bioinformatiker künftig das Dickicht der Eiweißfunktionen durchleuchten. "Wir werden uns durch jedes Organ, jedes Gewebe, jede Zelle arbeiten", verkündet Craig Venter, der längst dabei ist, seine Sequenzierfabrik Celera zur Proteom-Company auszubauen.