Ohne Nazi ist der Reporter aufgeschmissen. Der Westleser hat ja ein Bedürfnis, aus dem Osten Schlimmes zu erfahren, und seit 1992 Rechte aus ganz Deutschland fernsehwirksam durch Rudolstadt marschierten, umwölkt das alte Thüringer Residenzlein ein brauner Ruf. Da sitzen wir vor dem Marktcafé, futtern Konditor Brömels berühmten Pflaumenkuchen, und die Wirklichkeit lässt uns gemein im Stich. Deprimiert verfolgen wir, was in Rudolstadt an jedem ersten Juliwochenende passiert: Statt des Bösen kommt das Gute.

Und wie es kommt: als bunte Flut. Es schwappt durch alle Gassen, es überschwemmt den Heinepark, es brandet den Burgberg hinan. Es ist: das deutsche Folk. Alljährlich wallfahren die Weltmusik-Gläubigen mit Kind und Kegel in ihr Mekka Rudolstadt, derweil sich die Heiden zum Berliner Techno-Aufmarsch einberufen lassen. Die Erwählten sind natürlich Minderheit. Berlin prahlt mit der Raver-Million, Rudolstadt fühlt sich mit 60 000 Pilgern nahe seiner Obergrenze.

Rudolstädter Entwicklung: DDR-Vorgänger des heutigen Spektakels war ein Volkstanztreffen, dessen biedere Besucher sich an Hupf und Spiel osteuropäischer Trachtengruppen erfreuten. Als die alten Zeiten neue wurden, vermählten sich auch die Folkies aus Ost und West und zeugten 1991 mit dem Rudolstädter Tanz- und Folkfest das schönste Kind der deutschen Einheit. Jetzt wurde es zehn, und es gedeiht. Der Laden brummt, das Fanvolk wächst von Jahr zu Jahr, ARD-Anstalten senden, Thüringens Kultusministerin Dagmar Schipanski übt Schirmherrschaft aus, Bürgermeister Hartmut Franz lockt Sponsoren auf den unheimlichen Pfad multikulturellen Engagements. Wenige Tage vor Festivalbeginn kam es im schwarzen Saaletal zum politischen Exzess: Der CDU-Landrat und Folkfest-Muffel Werner Thomas verlor sein Amt an die SPD-Kandidatin Marion Philipp.

Da, das ist sie, die Hübsche, die im Marktgewimmel T-Shirts und CDs verkauft. Die Band auf der Bühne heißt Kapela ze wsi Warszawa: vier polnische Großstadtgirls mit Bauerngeigen und goralischem Gesang. Am Neumarkt säuselt zur Gitarre Kathryn Williams, Britanniens steigender Stern. Oben auf der Heidecksburg fiedelt Norwegens Stargeigerin Annbjørg Lien Mytho-Pop fürs Massenpublikum. Auf der Burgterrasse singt für wenige die Eritreerin Faytinga zur Krar, der Davidsharfe. Weiter! Wir hasten. Wir wollen auch zu Susana Seivane, der Jeanne d'Arc des galizischen Dudelsacks, dann müssen wir zu Olivier Mtukudzi, dem Springsteen von Simbabwe. Am Neumarkt stoppt uns die Schwedin Anna Lindblom, die Folksongs in freie Vokalisen überführt, Stille in Schrei, und eine dicht gedrängte Masse lauscht gebannt, als wäre jeder Caspar David Friedrichs weltverlorner Mönch am Meer.

Rudolstadt, das ist ein Potpourri. Jeder bastelt aus der Simultanität sein eigenes Festival. Der Purist wird wie der Fusionist bedient. Zwei rote Fäden laufen durchs Programm: Immer gibt es einen Länderschwerpunkt (diesmal England), immer wird ein Instrument herausgestellt (diesmal die Stimme). Das Magic-Voices-Konzert - eine Tour de Force durch das Universum des menschlichen Lauts: die Press- und Obertonchoräle des bulgarischen Eva-Quartetts, die algerischen Kreislieder von Gacha Empega und El Hillal, die Wechselgesänge der schottischen Tweedwalkerinnen, die Free-Jodlerin Christine Lauterburg, die Katajjak-Duelle der Inuit, die A-capella-Klagen der ungarischen Roma Mitsou...

Nazi mit Führerscheitel im Multikultitrubel

Seinen Aberwitz fand das Fest im Auftritt des finnischen Brüllchors Mieskuoro Huutajat: 30 hoch korrekt gewandete Finnen, Typ Emil Jannings in Der blaue Engel, die Nationalhymnen und finnische Schlager brüllen. Das Publikum brüllte auch. Und als die Hymne der Sowjetunion den nächtlichen Heinepark erfüllte, da sahen wir ihn endlich: unseren Nazi, mit Führerscheitel, Bomberjacke, Stiefelwichs. Ringsum tobte Multikulti. Der Bengel hatte Mut.