Am 4. Juni dieses Jahres versammelten sich Zehntausende im Dolores Park in San Franciscos Mission District, um Soupstock 2000 zu begehen, ein Festival anlässlich des 20. Jahrestags von Food Not Bombs. Das anarchistische Kollektiv, das mittlerweile Ableger überall in den USA und Europa hat, versteht sich als antimilitaristische Plattform. Vor einiger Zeit hat die Gruppe in San Francisco einen radikalen Mieterverein gegründet, Zusammenstöße mit der Polizei wegen nichtgenehmigter Volksküchen für Obdachlose waren an der Tagesordnung. Doch jetzt schien die Sonne. Sehr junge Gesichter in der wild tätowierten Menge, keiner war hungrig ("Habt ihr schon das Essen probiert?", fragte ein Sprecher von der Bühne, "es ist umsonst. Alles hier ist umsonst heute"). Und Sleater-Kinney waren fehl am Platz.

1994 wurde die Punkband von drei Frauen in Olympia, Washington, gegründet. Carrie Brownstein und Corin Tucker, die beiden Gitarristinnen, und Schlagzeugerin Janet Weiss - alle drei singen auch - bringen ihre Platten auf Kill Rock Stars heraus, einem kleinen Independent-Label, das ganz gut als Nabel seiner eigenen Welt funktioniert. "Olympia, Geburtsort des Rock", der Slogan zur Firma, drückt auf seine Weise aus, dass Rock wieder und wieder geboren werden kann, überall und jederzeit. "Alles, was wir tun, hat mit unseren Wohnorten zu tun", sagt Weiss. Sie lebt, ebenso wie Tucker, in Portland, Oregon, Brownstein dagegen in Olympia. "Es regnet dort immer. Und es ist grau. Man wird automatisch häuslicher als in einer Gegend mit freundlichem Klima. Das Wetter kultiviert unsere Fähigkeit zum Ausbruch. Zum Aufbruch. Zum Bruch. Es ist aber auch der Grund für unsere Fähigkeit, danach wieder nach Hause zu gehen und von vorn anzufangen."

Die meisten Punkbands werden zahmer, weniger fordernd, wenn sie zu spielen gelernt haben. Sie ersetzen Ungestüm durch Technik, weil die Entdeckung, dass sie etwas können, ihnen schmeichelt. Die Drei-Frauen-Combo Bratmobile, zeitweilig mit Sleater-Kinney auf Tour, verkörpert einen abgekapselten Aspekt von Punk: Sich zu öffnen, auch nur einen Spalt breit, würde Verrat am Punk als solchem bedeuten. Für Sleater-Kinney wäre es Verrat, drinzubleiben - auch wenn es nützlich sein kann, einen Schlüssel zu behalten. Sie haben sich nicht von der Wut weg, sondern in sie hineinentwickelt, obwohl ihr Sound von Sleater-Kinney (1995), Call the Doctor (1995), Dig Me Out (1997), The Hot Rock (1999) hin zu All Hands on the Bad One, von den verwackelt-primitiven Anfängen an gemessen, erschreckend prächtig geworden ist. Statt an geschlossene Räume denkt man, mit den Worten des Kritikers Howard Hampton, an "einen Sturm auf die schlossähnlichen Korridore und verhexten Zimmer in Shining, ein Großreinemachen, das all den in existenzielle Klischees gepackten Psychoballast (Angst, Horror, menstruierende Aufzüge ...) mit sich schwemmt." Ihr Weg führt hinaus ins Offene, wo das Schicksal ungewiss ist und überall Gefahr lauert.

Von Ähnlichem redeten auch viele Aktivisten auf der Bühne im Dolores Park, aber das Gefühl dazu stellte sich nicht ein. Alles sei gefährdet - das Recht, in der Innenstadt zu leben, insbesondere in den traditionellen Arbeiter- und Einwanderervierteln des Mission District. Alles sei bedroht vom schleichenden Einfluss des neuen, grenzenlosen Dot.com-Kapitals, das Langzeitmieter vertreibt und gewöhnliche Arbeitnehmer mit unvorstellbar hohen Mieten konfrontiert. "Ihr seid unerwünscht hier", sagte einer zur Menge, und für einen Moment verdunkelte sich die Sonne, aber der Weg aus der eigenen Isolation heraus war versperrt.

Nichts als auswendig gelernte Empörungsfloskeln, die Sprecher schienen ihrer eigenen Worte überdrüssig. Aus Sorge, dem Publikum bloß nichts Neues zuzumuten, hatten die Soupstock-Macher vor allem auf Bewährtes gesetzt. "Diamond Dave" Whitaker, der 1960 in der Studentenszene von Minneapolis einmal Bob Dylans Mentor gewesen war, stellte die Band Folk This in die lange Tradition des Protestlieds: Back to 'Cisco, Woody and Lead Belly, too, zitierte er Dylans Song to Woody von 62 - und es klang, als wolle er mit den Gefängnisschlüsseln rasseln. Die Band kehrte unverzüglich zum Immergleichen zurück, indem sie eine selbstgefällige Version von There'll Be Pie in the Sky When You Die darbot, einem Knaller aus der Feder des Arbeiter-Songwriters Joe Hill, der im Jahr 1915 von einem Schützenkommando aus Utah niedergestreckt wurde. Ihr nächstes Stück war eine schreckliche, aus dem Polnischen übersetzte Arbeiterkampfhymne (Auf, auf, ihr Mühseligen) .

Es wirkte entweder belehrend oder sentimental. Und Sleater-Kinney waren fehl am Platz, weil beides auf sie nicht zutraf. "Wir sind eher daran interessiert, den Einsatz zu erhöhen", sagt die 25-jährige Carrie Brownstein ein paar Tage später, unmittelbar vor der letzten Show der Sleater-Kinney-Tour in San Franciscos legendärem Fillmore Auditorium. Genau das tat die Band im Dolores Park: Sie erhöhte den Einsatz - und sie sprach eine andere Sprache.

Beim Betreten der Bühne waren sie drei spröde wirkende Frauen. Keine Spur von der alles verlangenden Größe in der Stimme, die sonst aus der 27-jährigen Tucker hervorbricht - wahrscheinlich der größten Stimme der Popmusik seit Arlene Smith von den Chantels aus der Bronx, und das war in den Fünfzigern. Nichts von der magnetischen, absolut entschlossenen Präsenz von Weiss, 34, oder von Brownsteins die ganze Bühne einnehmenden Sprüngen. Aber als die Band nach vier Stücken bei Call the Doctor ankam, war alles anders.