Für Gerhard Schröder steht sehr viel auf dem Spiel. Für Angela Merkel und Friedrich Merz auch. Für die deutsche Wirtschaft erst recht. Endlich kommt die große Steuerreform. Die Wirtschaft braucht sie, um sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Der Kanzler braucht sie, um für dauerhaftes Wachstum zu sorgen, denn mehr Arbeitsplätze sind sein Hauptziel. Schröder muss zeigen, dass er Reformen nicht nur will, sondern auch durchsetzt. Und das neue Gespann an der CDU-Spitze braucht ebenfalls eine baldige Steuerreform: Nie und nimmer würde die deutsche Wirtschaft - die beste Freundin der Christdemokraten - eine lange Blockade im Bundesrat hinnehmen.

DIE REGIERUNG steht vor einem Dilemma. Es ist ihr ernst beim Versuch, den Reformstau aufzulösen. Sie verfolgt eine Politik, die ihr vor zwei Jahren niemand zutraute: den Rückzug des Staates. Dafür steht der Kurs von Sparminister Hans Eichel, der Verzicht auf Staatseinnahmen und eine Senkung des Spitzensteuersatzes, die in der Geschichte der Bundesrepublik ihresgleichen sucht.

Die Opposition gönnt dem Kanzler und seinem geachteten Finanzminister nicht den Erfolg, zumal die Sozialdemokraten einst unter Oskar Lafontaine die Steuerreform der Kohl-Regierung vereitelten. Doch das Duo Merkel und Merz spielt nicht immer harmonisch und sucht die richtige Partitur.

Da ist einerseits Ministerpräsident Edmund Stoiber, der München zur Hauptstadt der Union erheben möchte und von dort seine Konfliktstrategie vorgibt. Da sind andererseits die Wirtschaftsverbände und Manager, die es Milliarden kostet, wenn die vorteilhafte Steuerreform 2001 nicht in Kraft tritt. Zu Recht hat CDU-Chefin Merkel - schlau und vorsichtig, wie sie ist - sehr maßvoll bekundet, die Steuerreform müsse auch die Handschrift der Union tragen, mehr nicht. Eine Totalverweigerung lag nicht drin, und auf Rot-Grün kann die CDU keinen gewaltigen Druck ausüben. Sonst verspielt sie auf Anhieb jede Chance, ihre durch die Skandale beschädigte Glaubwürdigkeit bei der Wirtschaft wieder zu stärken.

DIE EINIGUNG zwischen Bundestag und Bundesrat musste jedoch so, wie der CDU/ CSU-Fraktionschef Merz taktierte, zwangsläufig scheitern. Der Finanzexperte verbiss sich in Details der Dividendenbesteuerung, als sei die Gewinnausschüttung an die Aktionäre ein Kernproblem des deutschen Steuersystems. Dass er die von Eichel geplante Änderung zum "Systemwechsel" hochstilisierte, verstanden nicht einmal christdemokratische Fachleute. So verhandelt keiner, der ernsthaft einen Kompromiss anstrebt.

Doch auch Schröder und Eichel haben es sich zu leicht gemacht, sie unterschätzten den Widerstand von CDU, CSU und FDP im Vermittlungsausschuss. Eichels Nachbesserungen - er senkte abermals den Spitzensatz in der Einkommensteuer und entlastete die Steuerzahler um weitere fünf Milliarden Mark - war ein Schritt in die richtige Richtung, der freilich nicht weit genug ging, um die Widersacher umzustimmen. Entweder waren die zwei Sozialdemokraten zu siegesgewiss, oder sie dachten von vornherein an eine zweite Vermittlungsrunde. Ihnen war klar, dass auch in diesem Fall die Steuerreform zum Jahresbeginn 2001 in Kraft treten würde.

Die Kluft zwischen den Vorstellungen der Regierung und den Forderungen der Opposition war von Anfang an kleiner, als das Getöse vermuten ließ. Man stritt nur über Ausmaß und Tempo der Steuersenkungen - nicht über das Ziel.