Stadt ist ein himmelweites Wort, das alles meint und nichts. Im Namen der Stadt lässt sich über Armut sprechen und über Analphabetismus, über Kinder-, Frauen- und Altenpolitik, über Autogewühl und Abwasserjauche. Kein Thema blieb also ausgespart, als sich in der vorigen Woche fast 4000 Bürgermeister, Menschenrechtler und Städteplaner in Berlin zum Weltkongress Urban 21 versammelten. Einzig die Architektur war ihnen nicht mehr wert als ein paar dürre Sätze.

Woran mag's liegen? Interessieren sich die Architekten zu wenig für politische, soziale und technische Strategien, um es mit den drohenden Mega- und Monster-Citys von übermorgen aufzunehmen? Oder traut man der bauenden Zunft vielleicht nichts mehr zu, nachdem ihre großen Utopien oft grandios gescheitert sind? Schnell entfleucht man mit seinen Zweifeln dem Alles und Nichts der versammelten 4000 und wendet sich fragend ans Überschaubare: an eine Ausstellung über das verrenkte Verhältnis von Stadt und Architektur.

Zu besichtigen ist ein Jahrhundert Berliner Baugeschichte, ihre Auf- und Einbrüche, Absichten und Absurditäten. Eigens wurde für die Großschau das Neue Museum von Friedrich August Stüler, das über 50 Jahre als Ruine vor sich hin gedämmert hatte, wieder aufgeschlossen. Dass die prächtig verzierten Decken und Wände noch bröckeln und blättern, passt ins Konzept dieser Ausstellung: Sie will Pionier sein statt abschließende Antworten zu präsentieren, betont das Vorläufige, will sich aller Wertung enthalten und präsentiert deshalb die fast 500 Karten, Aufrisse, Fotos und Modelle, zumeist eindrückliche, selten nur gezeigte Originale, in streng chronologischer Ordnung. Selbst auf Erklärtexte hat man ganz verzichtet. Den Connaisseur wird es nicht stören, dem Laien hingegen macht man es schwer. Nur wer bereit ist, sich tief in die vergilbten Pläne und Skizzen hineinzulesen, wird etwas vom Sturm und Drang der Berliner Baugeschichte spüren.

So radikal wie in kaum einer anderen Stadt träumte man hier von der totalen Veränderung. Ob es die exzentrischen Architekturfantasien sind, mit denen etwa ein Hermann Finsterlin kurz nach der Jahrhundertwende an einer Wiedervermählung von Natur und Kunst arbeitete, oder die großflächigen Siedlungen der zwanziger Jahre, die das Glückversprechen der Moderne in eine großzügige Wirklichkeit überführten - immer spürt man den Wunsch, mit dem Überkommenen zu brechen. Die Stadt des 19. Jahrhunderts, heute von vielen Stadtplanern zum Leitbild erkoren, war verhasst, vor allem wegen der ungesunden Enge und Düsternis ihrer Mietskasernen. Nirgends wird dies eindrücklicher als in den Fotocollagen Mies van der Rohes für sein Hochhaus aus Glas an der Friedrichstraße: Man blickt in das Dunkel einer Gasse, geduckt huschen die Menschen vorbei, eine Kutsche mit zwei müden Zossen steht am Straßenrand - und dann dieser Lichtkörper. Hell und strahlend sprengt der Glasbau die fest gefügte Ordnung, er ist das Fanal einer neuen Zeit.

Eine Berliner Spezialität: Hass auf die Moderne

Bis weit in die siebziger Jahre hinein glaubten viele Stadt- und Weltenplaner daran, dass nur eine Zerstörung des Überlieferten ein neues, menschliches Leben möglich machen könne - immer lebte im Enthusiasmus auch Selbsthass.

Ohne vorschnell Feind- und Freundbildern zu verfallen, schildert die Ausstellung dieses heroische Jahrhundert. Darüber darf man beglückt sein, denn selbst die oft gescholtenen Trabantensiedlungen der siebziger Jahre stehen so einer Neubewertung offen. Doch hat dieses Prinzip der Äquidistanz auch etwas gefährlich Gleichmacherisches, das vor allem in der Abteilung "Architektur und Städtebau des Nationalsozialismus" zu Missverständnissen geradezu auffordert. Gezeigt wird dort eine große, fast deckenhohe Straßenkarte, auf der mit bunten Tüpfeln markiert ist, was in zwei Monaten, was in sechs Monaten, was gar erst in zwei Jahren abgerissen werden soll: Es ist Albert Speers Plan für den Umbau Berlins zur Welthauptstadt. Von Nord nach Süd sollte eine große Achse die Stadt durchpflügen und dafür das Vergangene weichen.