Die meisten Biografien auf Waschzettel- und Presse-Infos lesen sich wie von Werbeagenturen gefaxt. Taucht jedoch jemand unter dem Namen Lullaby Baxter alias Angelina Teresa Iapaolo auf, - der Vater liebt die Zauberflöte, die Mutter Sarah Vaughan, die Tochter eine grüne Gitarre - ist man schon gefangen. Der Arzt hätte Cole Porters It's De-lovely bei ihrer Entbindung gesungen, und auch das glaubt der Rezensent gern, am 19. Juli 1970 sei das in Scarborough Komma Ontario Komma Kanada so üblich, hört man.

Hellblaue Fingernägel trägt sie zur roten Konzertina, und zwischen diesen Farbtönen liegt ihre Musik. Hätte Laurie Anderson ein bisschen Country-Gefühl, oder würde Patsy Cline ein paar Takte swingen, dann könnten sie sich Lullaby Baxter nennen, so angenehm gut gelaunt schweben diese Songs.

Seltsame Wörter und süße Gemeinheiten singt sie mit mädchenhafter Klugheit, und die Begleitung wählt dazu das passende Kleid: Bossa Nova oder Blues, New-Orleans-Style oder Folksong. Alles wie nebenbei und beiseite gesungen, entspannt produziert und mit zarten instrumentalen Verrückungen weg vom Mainstream in die Nebenstraßen verlegt.

"Während es passierte, schien ihr alles ganz natürlich", schreibt Lewis Carroll über seine Alice, und wie das Kaninchen mit Uhr und Weste, so selbstverständlich erscheinen die Abzählsongs einer erwachsenen Träumerin, Texte von Lutwidge Sedgwick. Capable Egg heißt die CD, unter Lullaby Baxter Trio firmiert dieses unwahrscheinliche Album, obwohl es vier sind, die da spielen (Atlantic 83260

Vertrieb: Eastwest/Warner Classics).

Janis Ian singt unter umgekehrten Vorzeichen. Die Biografie droht die Lieder zu erdrücken. Und seien sie noch so berührend und bittersüß wie auf ihrem neuen - dem 17. - Album God & The FBI (Windham Hill 11498

Vertrieb: BMG). Ob es der swingende Rap auf dem Titelsong, der fingerschnippende Folksong Jolene oder das Duett mit Willie Nelson zu Memphis ist - die Geschichte eines Mädchens, das als 14-Jährige mit Society's Child seinen ersten Hit hatte, neben Judy Collins und Joni Mitchell stand und danach in Therapie, Isolation und Bankrott lebte, ist nicht abzuschütteln. Das dritte Comeback der 49-jährigen Sängerin und Komponistin, die sich politisch so eindeutig engagiert, wie sie sich mutig - im tiefsten Nashville wohnend - als lesbisch outete, ist möglicherweise ihr letzter Versuch. Wie im Land des Zauberers von Oz gibt es bei ihr Gut und Böse, Liebe und Angst - die Welt ist voll Schmerz, Ironie und schöner Bedeutung. Lullaby Baxter singt auf der anderen Seite des Märchens: im Wunderland von Alice.