Schnell und geräuschlos hat Rudolf Scharping die Reform der Bundeswehr eingestielt. Seine Partei, die Koalitionsfraktionen und das Kabinett hat er auf seine Seite gebracht. Doch immer noch sind viele Hürden zu nehmen, die nächste nach der Sommerpause, wenn der Haushalt beraten wird.

Scharping ist ein Mann der Exekutive. Beschlüsse umzusetzen ist sein Talent.

Das funktioniert bei ihm, als richte er sich nach einem Lehrbuch. Erstes Kapitel: informieren. Über ein Jahr lang reiste er durch die Garnisonen, machte sechzig bis siebzig Truppenbesuche, sah sich überall um und redete mit jedem, vom Wehrdienstpflichtigen bis zum General. Stundenlang saß er da und hörte sich Ansichten und Meinungen über den kritischen Zustand der Bundeswehr an. "Eselsgeduld" attestieren ihm echauffierte Mitarbeiter, unendlichen Fleiß nicht zu vergessen. Aber so war er schon immer.

Als er l991 auf dem Fahrrad über die Dörfer von Rheinland-Pfalz fuhr, weil er Ministerpräsident werden wollte - damals 43 Jahre alt -, ging er nach demselben Erfolgsmuster vor. Kein Weiler war ihm zu abgelegen, als dass er ihn nicht angesteuert hätte. Hinter dem Habitus des scheuen Knaben mit den dicken Brillengläsern und dem Bart - der ist inzwischen abrasiert - verbarg sich schon damals ein Systematiker, der die gewonnenen Informationen in einem ungeheuren Ordnungsdialog mit sich selber in die logische Reihenfolge brachte.

Zu jedem Gespräch bereit, grenzenlos geduldig

So auch jetzt. Im Februar begann er, die Außen-, Sicherheits-, Verteidigungs- und Haushaltsexperten der Bundestagsfraktionen zu informieren. Sechzehn Abende waren ihm nicht zu viel, um mit den sechzehn SPD-Landesgruppen im Bundestag zu sprechen. Er setzte sich mit Linken und Rechten zusammen, mit Strategen und Hinterbänklern. In keiner Fraktionssitzung fehlte er, zu jedem Gespräch bereit, grenzenlos geduldig. Als er kurz vor der entscheidenden Fraktionssitzung am 5. Juni noch einmal zu einem offenen Abend einlud, kamen von 297 Mitgliedern der SPD-Fraktion nur noch ein gutes Dutzend. Der Mehrheit fiel keine Frage mehr ein. Um Scharpings Beschlusspapier durchzuwinken, reichten in der Fraktion zwei Stunden. Wen das wunderte, dem gab der Minister zu verstehen, er habe schließlich seit l998 alles vorbereitet, nun sei Schluss der Debatte.

Zugegeben: Außen- und Verteidigungspolitik treffen nicht das Herz der Sozialdemokraten, aber dass wir Deutschen mit dieser Reform auf dem Wege sind, "aus unserer 200-jährigen preußischen Militärgeschichte auszusteigen" (Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye), konnte unter Scharpings Regie wirklich niemand mehr merken. Die Rentenreform, die am 5. Juni als nächster Punkt auf der Tagesordnung der Fraktion gestanden hatte, war in sozialdemokratischen Augen sowieso wichtiger.