Camp David - der Mythos: Hier, in dem festungsmäßig abgesicherten Landsitz der amerikanischen Präsidenten, wurde vor 22 Jahren der erste arabisch-israelische Frieden besiegelt. Zwölf Tage lang waren Menachem Begin (Israel) und Anwar as-Sadat (Ägypten) praktisch die Gefangenen des Jimmy Carter. Der hat die beiden beschwatzt, traktiert und bestochen (mit je drei Milliarden Dollar Auslandshilfe pro Jahr). Dann haben sie ihm den Gefallen getan, zu unterschreiben, was sie ohnehin schon beschlossen hatten: "No more war!" in den legendären Worten des ägyptischen Präsidenten.

Camp David - die Fortsetzung: Nun will Bill Clinton, pünktlich zum Ende seiner zweiten und letzten Amtszeit, das Kunststück wiederholen, diesmal mit den Herren Barak (Israel) und Arafat (Palästina). Schafft er es, hat er alle Aussichten auf den Friedensnobelpreis im nächsten Jahr - vielleicht alleine, vielleicht selbdritt, was Jassir Arafat den erhöhten Mittelplatz auf dem Siegertreppchen garantieren würde. Denn den Friedenspreis hat der Palästinenserführer schon einmal eingeheimst - im Jahre 1994, als er ihn sich mit Jitzhak Rabin und dessen Außenminister Schimon Peres teilen musste.

Alle drei hätten den Osloer Ritterschlag bitter nötig - und noch mehr den Erfolg hier und jetzt. Für Bill Clinton wäre es die Krönung einer Karriere, der Unterschied zwischen einem flunkernden Stenz, der knapp an der Amtsenthebung vorbeigeschrammt ist, und einem great president, der dem ältesten und vertracktesten Konflikt der Nachkriegsgeschichte den Stachel gezogen hätte. Für den kranken Jassir Arafat wäre es gar die Krönung eines politischen Lebens. Es begann mit Terror und hat ihm nach vielen Fehlkalkulationen - zum Beispiel der Kotau vor Saddam nach dessen Kuwait-Invasion - noch nicht mehr eingebracht als eine Art glorifizierten Bürgermeisterposten in Gaza und Jericho.

Ehud Barak? Der ist vielleicht die traurigste Gestalt in diesem Trio - ein Don Quijote, dem sogar der Sancho Pansa weggelaufen ist. Ein Dutzend Misstrauensanträge musste er seit seinem Amtsantritt 1999 abwettern, den jüngsten kurz vor seiner Abreise nach Amerika. Die Nationalreligiöse Partei ist ihm von der Fahne gegangen, dito die Schas der gläubigen orientalischen Juden, schließlich auch die Einwandererlobby "Israel-b'Alija", die eine Million Russen hinter sich zu versammeln sucht. Der Premier ist zum "Ehud Ohneland" geworden, jedenfalls ohne verlässliche Mehrheit in der Knesset. Ihm würde Vorzeigbares aus Camp David zumindest eine Atempause bescheren vor dem "Jüdischen Krieg" daheim, wo zwar knapp zwei Drittel nach wie vor den Frieden bejahen, das Parlament aber den Premier in immer neuen Kombinationen in die Enge treibt.

Camp David I, das war die Ratifizierung eines Deals namens "Land für Frieden", den die beiden Prinzipale Begin und Sadat schon vorher ausgeheckt hatten, jedenfalls im Prinzip: der schrittweise Abzug aus dem Sinai, die schrittweise Normalisierung zwischen den beiden nahöstlichen Hauptmächten, die nach drei Runden des Krieges müde geworden waren. Doch Camp David II ist die Mutter aller Albträume. Es ist der Versuch, all das, was in den vergangenen sieben Jahren verschoben, zugekleistert oder ausgeklammert worden war, in letzter Minute zu einem Paket zu schnüren, das sich nicht schon auf dem Weg nach Jerusalem und Gaza auflöst.

Gibt es auch gute Nachrichten? Ja, zumindest wenn man den Blick von den Catoctin-Bergen in Maryland dorthin lenkt, wo der Frieden gelebt werden muss - in den Nahen Osten. Nicht, dass die Araber den jüdischen Staat lieb gewonnen hätten. Doch müssen sie mit ihm leben, weil ihnen die militärische Option fehlt. Ohne Ägypten, das war die richtige Kalkulation des Menachem Begin in Camp David I, hieß es tatsächlich no more war. Seitdem haben die arabischen Verweigerer den Partner Jordanien verloren die "Ostfront" ist keine mehr. Irak steht unter Kuratel Saudi-Arabien ist mit sich selbst beschäftigt Syrien wagte nie mehr als den ferngesteuerten Kleinkrieg im Süd-Libanon, und dem hat sich Israel vor kurzem durch die Preisgabe seiner Sicherheitszone entzogen.

Selbst die Illusion einer kriegerischen Option ist mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion verschwunden. Moskau war stets gut für zweierlei: Es hat vor allem die Syrer auf Pump munitioniert und die Abschreckung gegenüber dem mächtigen Israel-Freund Amerika hochgehalten. Vorbei, vorbei. Waffen gibt es nur noch gegen Bares, und der russische Nachfolgestaat kann noch nicht einmal die eigenen Soldaten ernähren.