Einer der berühmtesten Filme über das Verhältnis von Kopf und Kino beginnt in einem Gefängnis. An den Rollstuhl "gefesselt", eingesperrt in seiner vom Sommer aufgeheizten Wohnung, liegt der Fotograf L. B. Jeffries (James Stewart) schlafend da. Ein Gefangener, für uns bereits als solcher erkennbar, noch bevor er seine Malaise in Worte fasst und von seinem eingegipsten Bein als "Gips-Kokon" spricht, aus dem er bald "ausschlüpfen" werde. Von diesem verdoppelten Gefängnis aus wird Jeffries im Hinterhof Dinge beobachten, aus denen er in Gedanken einen Mord (re)konstruiert.

Das Fenster zum Hof (1953) ist oft auf seine Analogien zum Kino hin befragt worden. In gewisser Weise handelt er von der Macht und Ohnmacht des Publikums: von der Ohnmacht, nicht eingreifen zu können in das, was sich vor den Augen/dem Fenster abspielt, und ebenso von der Macht des Beobachters, sich aus dem Gesehenen seine "eigene" Geschichte zu konstruieren. Der Mord, um den es in Das Fenster zum Hof geht, nimmt erst im Kopf des Publikums Gestalt an. Hirngespinste, wie der Polizist Doyle seinem Freund Jeffries entgegenhält.

Die Maschine muss gefüttert werden, weil sie funktioniert

Genau hieraus entspringt ein bemerkenswerter Widerspruch. Auf der einen Seite wird Das Fenster zum Hof als Meisterwerk eines Schöpfers, des "Regie-Gottes" Hitchcock, gefeiert. Andererseits lässt der Film sich als Beleg und Spiegel der Selbstermächtigung eines Publikums begreifen, das sein Kino wie Jeffries immer schon im Kopf konstituiert. So können wir die nahezu blasphemische Kraft des Kinozuschauers erkennen und teilen: sich nämlich aus den Bildern ein (wenn auch eingeschränktes) eigenes Bildnis zu machen. Hirngespinste - ein Spiel-Film über unsere eigenen Aktivitäten bei der Herstellung von Bedeutung und Sinn, bei der Montage im Kopf.

Ein interessanter Zufall, dass nun zeitgleich mit der Wiederaufführung von Das Fenster zum Hof ein weiterer Film startet, mit dem wir uns auf ähnliche Weise im Kino selbst erkennen können. Auch die kanadische Produktion Cube, das Debüt des Regisseurs Vincenzo Natali und des Drehbuchautors Andre Bijelic, beginnt in einem Gefängnis. Auch hier erwacht jemand in einem Rechteck, das diesmal jedoch keine Wohnung ist, sondern ein futuristischer, leerer Würfel. Mechanische Luken führen in weitere, identisch geschnittene Räume. Der nächste Raum jedoch bringt dem Gefangenen kein Glück: Kaum drin, rauscht auch schon ein überdimensionaler Eierschneider heran und zerlegt den Ahnungslosen in unappetitliche kleine Körperquadrate. Asche zu Asche, Würfel zu Würfel sozusagen.

Damit steht die Ausgangssituation fest: Von jedem quadratischen Raum aus sind andere Räume zu erreichen, die wiederum an andere angrenzen, unterscheidbar nur durch unterschiedlich getönte Wände - und in manchen dieser Räume lauert eine tödliche Gefahr. In welchen, das ist nur eine der entscheidenden Fragen, die sich einer kleinen Gruppe von Menschen stellt, von der keiner weiß, wie und warum er im Würfellabyrinth gefangen ist.

Der erste Versuch einer Sinnstiftung verläuft über die "Funktion", den Beruf jedes Einzelnen. Die Frage des Polizisten Quentin nach der "Bestimmung" seiner Mitgefangenen führt die Gruppe vor: Mit Quentin eingesperrt sind die Ärztin Holloway, die Mathematikstudentin Leaven, der Büroangestellte Worth, der autistische Kazan und der Ausbrecherkönig Rennes. Rennes allerdings spielt bald keine Rolle mehr, weil ihm beim unvorsichtigen Betreten eines weiteren Raumes der Kopf von Säure zerfressen wird.