Strahlender mit jedem Jahr schwebt Schwerin über den Wassern seiner Seen und Teiche, heller leuchten die Fassaden, ganze Straßenzüge, frisch geputzt, die den Besucher ins 18., 19. Jahrhundert versetzen, in ein deutsches Duodezresidenzchen aus dem historischen Bilderbuch, und es scheint bloß noch eine Frage der Zeit, bis Japaner und Amerikaner sich hier drängeln. Nur das Kunstmuseum mit seiner pompösen Treppenschleppe (die schönste Galerie alter Kunst zwischen Hamburg und Berlin) wirkt momentan etwas außer Fasson, im Umbruch, Aufbruch. Die obere Etage mit den Paradesälen ist zwecks Renovierung geschlossen, und von der herrlichen Holländer-Sammlung bekommt man nur eine Auswahl zu sehen, im herzoglichen Disney-Schloß vis-à-vis.

Getröstet wird der Besucher mit einer - allerdings arg akademisch karg präsentierten - Ausstellung ganz aus hauseigenen Beständen. In den hohen weißen Parterre-Räumen ist unter dem etwas dröhnenden Titel Vermächtnis der Aufklärung das Werk des französischen Malers Jean-Baptiste Oudry (1686 bis 1755) zu besichtigen nebst einigen Porträtbüsten des wesentlich jüngeren Landsmanns Jean-Antoine Houdon (1741 bis 1828).

Keine monumentale Retrospektive, aber doch ein Querschnitt aus etwa 30 Gemälden und etlichen Zeichnungen

denn das Schweriner Museum besitzt die größte Oudry-Sammlung überhaupt. Die meisten Bilder hatten Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg und sein Sohn Erbprinz Friedrich frisch aus dem Atelier des Wild- und Geflügel-Meisters, der auch des Königs Gunst genoss, in Paris gekauft beziehungsweise bei ihm in Auftrag gegeben - selbstverständlich mit genauester Anweisung. So gelüstete es den jagdnärrischen Herzog 1733 zum Beispiel nach einem "Hirsch in der Brunft mit mehreren Hirschkühen - und wenn man auf dem gleichen Stück 2 Hirsche abbilden könnte, die sich bekämpfen, wie sie es gewöhnlich zu dieser Zeit tun, so wäre das noch schöner ..."

Entsprechend tierisch tummelt es sich die Wände entlang: Pudel mit Rohrdommel und Graureiher

Hund, der zwei Rebhühner stellt

Sterbender Hirsch und so weiter. Dazu Exotisches, denn Oudry hatte auch die Insassen der Pariser Menagerie porträtiert: Antilope, Hyäne, Leopard und ein Kasuar, gedankenverloren vor milder Meerlandschaft. Manches bleibt noch ganz rokoko-elegantes Dekorationsstück, anderes lässt schon die kühle Härte einer neuen Zeit ahnen. Aber immer dominieren diese weichen, schimmernden Seidentöne, selbst auf dem eindrucksvollsten Gemälde der Runde: Der Wolf in der Falle. Der Lauf, gebrochen vom Eisen, die klaffende Wunde, der rasende Schrei - Oudry malt, in leicht allegorischer Überhöhung, den Moment der Todesgewissheit und zugleich mit naturalistischer Schärfe den Schrecken und den Schmerz des Tieres, das sein Sterben erleidet und doch vom Tod nichts weiß.