Freunde

Olli und Basti, die beiden Jungs aus Marienhof, haben eine echte Männerfreundschaft. So stelle ich mir richtig gute Freunde vor. Man kann sich vertrauen, und auch wenn einer mal Mist baut, kümmert sich der andere trotzdem. Auch Anna und Meike, diese Dicke, sind immer füreinander da. Mir gefällt es, dass sich in der Serie alle so nett um Meike kümmern. Leider ist es unrealistisch. Im wahren Leben wäre so ein Mädchen nicht so integriert.

Heute weiß ich das. Warum, das ist schwierig zu erklären.

Wir haben bei uns im Jahrgang auch eine, ähnlich dick wie Meike. Aber sie hat es schwer, Anschluss zu finden. Ich nehme mir oft vor, ihr gegenüber offener zu sein. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil mir im Umgang mit ihr das erste Mal aufgefallen ist, dass ich in Wahrheit wie alle anderen auch zuerst aufs Äußere schaue. Dass ich nicht besser bin als die anderen. Dabei habe ich eigentlich gar nichts gegen dickere Leute. Aber irgendwie beeinflusst einen Aussehen trotzdem in der Wahl der Menschen, die man anspricht. Vielleicht ist es was anderes, wenn man zusammen aufgewachsen ist.

Aber man geht erst einmal auf Menschen zu, deren Aussehen und Figur einen auch ansprechen.

Freunde im Fernsehen, in Musikvideos oder in der Zeitschriftenwerbung sehen immer alle richtig gut aus und haben dabei viel Spaß. Ich bin da ziemlich geprägt durch die Bilder, die ich immer um mich habe. Dass das nicht unbedingt gut ist, weiß ich. Aber mal ehrlich: Wer ist schon frei von diesen Eindrücken? Damit wächst man schließlich auf. Rein äußerlich ist mir in Freundschaften wichtig, dass der andere nicht viel größer ist als ich. Es nervt mich, wenn ich immer zu jemandem aufschauen muss. Und ich mir klein und verlassen vorkomme. Das hört sich zwar blöd an, aber ich habe zum Beispiel eine Freundin, die ist ungefähr ein Meter fünfundachtzig, und da muss ich immer so hoch gucken, und sie sieht auch noch so gut aus, und daneben fühle ich mich einfach nicht wohl. Meine beste Freundin Julie und ich sind ungefähr auf einer Augenhöhe. Sie ist für mich ein echter Rückhalt, weil ich weiß, dass sie immer für mich da ist. Klingt kitschig, aber wenn ich an sie denke, scheinen Probleme nicht mehr so schlimm. So ist das sonst nur mit meinen besten Freunden Till und Nils. Ihnen kann ich jedes Geheimnis erzählen. Meine restlichen Freundschaften sind auch nett, aber nicht so intensiv. Es ist eben nicht wie in einer Fernsehserie, wo alles immer ganz leicht ist mit vielen Freunden und immer unkompliziert.

In Serien werden Konflikte auch immer unkompliziert gelöst: in Dialogen, die nicht länger als vier Zeilen sind. Eigentlich war mir schon, als ich die Sesamstraße geschaut habe, klar, dass Freundschaften nicht immer so nett sind, wie sie im Fernsehen dargestellt werden. Mit zwölf oder dreizehn habe ich das erste Mal gemerkt, dass man nicht jeder Freundin vertrauen kann. Dass es nicht so ist wie in Kindersendungen, wo man sich bedingungslos alles erzählen kann und es keine Eifersucht zwischen Mädchen gibt und keine Konkurrenz. Obwohl das natürlich schön wäre. In Wahrheit werden Geheimnisse doch weitererzählt oder es gibt Streit wegen Jungs. Natürlich wäre es manchmal verlockend, dass Freundschaften nach dem gleichen Muster laufen wie in Serien. Wenn sich zwei streiten, vertragen sie sich nach ein, zwei Folgen wieder oder sind eben einfach nicht mehr befreundet.