Als der Kalte Krieg und seine Deutungsmuster zu Ende gingen, hatten bald zwei Ideenangebote Konjunktur, voller Optimismus das eine, eher düster-katastrophisch das andere. Francis Fukuyama hoffte auf das "Ende der Geschichte", die sich in Demokratie und Marktwirtschaft erfüllt habe. Samuel Huntington beschrieb 1993 eine Welt, die nach dem Ost-West-Gegensatz geprägt sein würde durch den Zusammenprall der Kulturen (clash of civilizations), und vielen erschien diese Sicht der Dinge durchaus plausibel, spiegelte sie doch ihre Angst vor "dem" Islam und anderen Fundamentalismen.

Es war deshalb gut und notwendig, dass Roman Herzog seine Zeit als Bundespräsident dazu nutzte, um dieses einseitige wie auch gefährliche Weltbild in Frage zu stellen. In diesem Bemühen kann man durchaus einen zweiten Schwerpunkt seines öffentlichen Argumentierens sehen (neben seinem Feldzug gegen den Reformstau in Deutschland). Und es ist auch nützlich und verdienstvoll, dass die wichtigsten sieben Reden und Beiträge Herzogs wider den Kampf der Kulturen nun in einem Bändchen versammelt sind, ergänzt um Kommentare von Amitai Etzioni, Hans Küng, Bassam Tibi und Masakazu Yamazaki zu Herzogs Thema und These. Er verweist zu Recht auf die Pluralität in den Kulturen und auf die Gemeinsamkeiten zwischen den Kulturen, und er plädiert für Respekt, Toleranz und die - freilich zu lernende - Fähigkeit, mit den verschiedenen Kulturen in und zwischen Gesellschaften auf eine vernünftige Weise umzugehen.

So geben die Beiträge Herzogs und der anderen Autoren der von Huntington angestoßenen Debatte eine neue Perspektive, in der dann auch die richtigen Fragen gestellt werden können: nach den religiösen und spirituellen Triebkräften der gesellschaftlichen und internationalen Entwicklung

nach den sozialen Spannungen, die dann von den Modernisierungsverlierern religiös aufgeladen werden können

nach anderen Konflikten wie etwa dem zwischen einer rein kommerziellen Ethik und einer politischen Ethik, die auch noch Werte wie Freiheit und Gleichheit kennt

nach der Möglichkeit eines globalen "Weltethos", für das Hans Küng und andere werben. Eine Friedensstrategie für das 21. Jahrhundert lässt sich, das wird bei der Lektüre deutlich, nicht mehr nur aus einem Prinzip und in einer Dimension begründen.

Roman Herzog: Wider den Kampf der Kulturen