Prag

Aus der kleinen Zeitungsnotiz kroch das Gerücht in die engen Gassen der Prager Altstadt. Vorbei an den Bandwürmern hitzeverklebter Touristen drang es in die Durchhäuser und Hinterhöfe, quoll hinaus zu den Arbeiterwohnungen in Smøchow und den Plattenbauten der Prager Südstadt. Unaufhaltsam überzog es Böhmen und Mähren - bis Pilsen, an dessen Brauereien schon Südafrika beteiligt ist, bis Ostrau mit seinen sterbenden Stahlriesen.

Mehr und mehr Menschen im Land strömten von ihren Wohnungen und Arbeitsplätzen zu den Filialen der Investitions- und Postbank (IPB). Vor diesem drittgrößten Geldinstitut Tschechiens warnte das Gerücht. Jeden Moment könne die Bank von einem Berg fauler Kredite verschlungen werden. Panik griff um sich, obwohl Bankenskandale in Tschechien so selbstverständlich sind wie Erdbeben in Japan. Doch mit der Postbank verhielt es sich anders. Millionen kleiner Leute bezogen seit Jahren Beamtengehälter und Renten über ihre dortigen Konten. Die verschreckten Kunden hoben ab, was sie kriegen konnten.

Am Montag, dem 12. Juni, waren es 240 Millionen Mark

am 13. Juni 750 Millionen, am nächsten Tag 330 Millionen ...

Am Freitag, dem 16. Juni, zwölf Uhr mittags, luden die führenden Politiker zum Showdown durch. Maskierte Polizisten mit Maschinenpistolen drangen in die IPB-Zentrale. Die tschechische Notenbank hatte das ebenso expansive wie obskure Finanzinstitut unter Zwangsverwaltung gestellt. Die staatlichen Geldhüter besetzten die Bank und fanden einen Sumpf voll schillernder Blüten: Milliardenüberweisungen auf die Cayman-Inseln

ein Schneeballsystem, um notleidende Kredite aus der Bilanz zu streichen