Glücklich, wer Beamter ist – Seite 1

Das Wichtigste im Leben ist die Vorbereitung auf die Beamtenprüfungen.

Darüber hinaus gibt es nichts, was einen nach vorn bringen kann." Mit dieser apodiktischen Aussage wird im Rulin Waishi, einem Roman aus der Ming-Zeit (1368-1644), der Karrierestart beschrieben. Wer im Reich der Mitte reich und angesehen werden wollte, wurde nicht Kaufmann oder Bankier, sondern schlug die Beamtenlaufbahn ein.

Beamte im alten China genossen das höchste Ansehen, vor ihnen verneigte sich der gemeine Bürger, ihnen machte man Platz auf der Straße, die Beamten fürchtete und achtete man. Zugleich bot ein Amt die Gelegenheit, ganz ohne große Erbschaft zu Wohlstand zu kommen. Wer einen Posten als Kreisvorsteher, Richter, Studienkommissar oder gar ein hohes Amt als Gouverneur oder Minister erhielt, hatte ausgesorgt. Zwar waren die regulären Gehälter der Staatsdiener sehr bescheiden, doch so genannte Höflichkeitsgeschenke an die Amtsträger, Bestechungsgelder, in die eigene Tasche umgeleitete Steuern, erpresste Gebühren und andere "Nebeneinkünfte" waren gang und gäbe und machten praktisch alle Ämter zu Goldgruben.

Es war allerdings nicht einfach, im alten China ein Amt zu erhalten. Durch bloße Empfehlung konnten allenfalls einige wenige Söhne aus hoch gestellten Familien einen Staatsposten bekommen, alle anderen Aspiranten mussten etliche schwierige Prüfungen bestehen, bevor sie in den Staatsdienst gelangten.

Das Prüfungssystem hatte drei Stufen: die Examina auf der Präfekturebene, in der Provinzhauptstadt und schließlich in der Reichshauptstadt. Wer bestanden hatte, erhielt einen bestimmten Grad und einen Titel. Nach Absolvieren der Präfekturprüfung war man shengyuan (entsprechend etwa dem historischen Bakkalaureus), nach Ablegen der Provinzialprüfung juren (vergleichbar dem früheren Magister) und nach bestandener Hauptstadtprüfung durfte man sich jinshi (eine Art Doktor) nennen. Absolventen waren berechtigt, an den jeweils nächsthöheren Prüfungen teilzunehmen oder - von der zweiten Stufe an - bestimmte Ämter auszuüben.

Ziel des Studiums und der Prüfungen war es nicht, irgendeine Art von Fachwissen zu erwerben, sondern sich zu einem kultivierten, allseitig im Geist der konfuzianischen Ethik gebildeten Individuum auszubilden. Daher umfasste der Prüfungsstoff ausschließlich die klassischen konfuzianischen Schriften und verschiedene Kommentare dazu. Diese oft Hunderte von Seiten langen philosophischen Texte mussten Wort für Wort auswendig gelernt werden

dann übte man ihre Exegese nach festen Vorgaben und schließlich bestimmte festgelegte Ausdrucksformen wie den "achtgliedrigen Aufsatz" ein, in denen die Prüfungstexte verfasst werden mussten.

Glücklich, wer Beamter ist – Seite 2

Entsprechend aufwändig und langwierig war die Vorbereitung auf die Examina.

Familien, die es sich leisten konnten, ließen ihre Söhne - Töchter waren nicht zugelassen - vom achten Lebensjahr an von Privatlehrern unterrichten und auf die späteren Anforderungen vorbereiten. Ungefähr nach zehn Jahren Ausbildung konnte man die erste Prüfung ablegen. Es gab aber auch viele Kandidaten, die länger brauchten und erst nach zahllosen misslungenen Versuchen - im Alter von 30, 40 oder 50 Jahren - das erste Examen bestanden.

Der größte Teil der Bewerber scheiterte ganz an den Anforderungen.

Normalerweise wurden mit den Examina aus Tausenden von Bewerbern nur einige Dutzend ausgewählt und für amtswürdig befunden. Die "Prüfungshölle" des alten China nannte der japanische Historiker Miyazaki dieses System.

Um den korrekten Ablauf der Prüfungen zu gewährleisten, gab es umfangreiche Kontrollen und Auflagen. So hielt man die Examina auf einem ummauerten, von patrouillierenden Soldaten bewachten Gelände ab

eine Phalanx von Aufsehern schob Wache. Besondere Mühe gab man sich, das Einschleppen von Spickzetteln, Liliput-Lexika oder Textkompilationen in winzigem Druck zu verhindern, die damals bereits illegal serienmäßig hergestellt wurden.

So wurden die Prüfungsvorschriften (zum Beispiel in der Qing-Dynastie, 1644-1911) selbst schon ein Kunstwerk für sich: "Prüfungskandidaten tragen einen ungefütterten Filzhut, ungefütterte Hemden und Hosen. Ferner dürfen nur ungefütterte Filzsocken angezogen werden. Die Schuhe müssen dünne Absätze haben, die Sitzkissen müssen aus einem einzigen Stück Filz bestehen. Es dürfen nur eine ungefütterte Tasche für die Prüfungshefte sowie ein dünner Tuschestein verwendet werden. Der Pinselstiel muss einsehbar sein, Kuchen und Gebäck müssen durchgeschnitten werden. Jedesmal, wenn die Kandidaten das Prüfungsareal betreten, werden sie durchsucht."

Glücklich, wer Beamter ist – Seite 3

Auf dem Prüfungsgelände selbst standen kleine Einzelzellen, Kabinen, in denen die Kandidaten die ganze Zeit der Prüfung, oft mehrere Tage, verbringen mussten. Die verfassten Prüfungsarbeiten durchliefen nacheinander vier getrennte Büros, sie wurden anonymisiert, einzeln von Schreibern kopiert, damit die Handschrift nicht wiedererkannt werden konnte, versiegelt und schließlich, je nach Prüfungsstufe, von drei oder fünf unabhängigen Korrektoren begutachtet.

All diese hochbürokratischen Strukturen und Versuche, für Ehrlichkeit und Gerechtigkeit zu sorgen, scheiterten gleichwohl stets am selben Problem: an der Bestechlichkeit der Beamten im Prüfungswesen. Deren Korrumpierbarkeit ließ sich auch durch immer zahlreichere Kontrollinstanzen in der Bürokratie nicht eindämmen. Im Gegenteil: Der im Laufe der Geschichte immer größer werdende Personalstab brachte nur immer mehr Möglichkeiten mit sich, bestechliche Aufseher und Lücken im Kontrollsystem zu finden.

Entsprechend liest man etwa in einem Edikt des Kaisers Qianlong aus dem 18.

Jahrhundert: "Wir haben gehört, daß es bei den Examensprüfungen berufsmäßige Gesetzesbrecher gibt, die um das Prüfungsgelände in Peking herum wohnen. Sie haben Schreiber bei sich untergebracht, die davon leben, den Kandidaten Prüfungsaufsätze zu schreiben und zu verkaufen. Unehrliche Kandidaten bestechen die Wachen und die Aufsichtsbeamten, wickeln die Blätter mit den Prüfungsaufgaben um einen Stein herum und werfen sie über die Mauer aus dem Prüfungsgelände hinaus. Wenn die Prüfungsaufsätze geschrieben sind, geben diese Leute Signale: Sie stellen Laternen hoch auf die Dächer, brennen Feuerwerkskörper ab, oder lassen abgerichtete Tauben über das Prüfungsgelände fliegen. Dann werfen sie die Lösungstexte, wieder um einen Stein gewickelt, auf das Prüfungsgelände.

Hiermit wird dem Zensorat und dem Präfekten der Hauptstadt befohlen, verlässliche Leute auszusenden, die nach diesen illegalen Schreibern suchen und sie streng bestrafen. Den Bewohnern rund um das Prüfungsgelände wird hiermit strengstens verboten, während der Zeit der Examensprüfungen Lampen auf Dächer zu stellen, Feuerwerkskörper abzubrennen, dressierte Tauben fliegen zu lassen oder mit Steinen zu werfen."

In dem Roman Rulin Waishi finden sich noch ganz andere Meisterleistungen der Fudelkunst: "Unter den Kandidaten gibt es manche, die ihre Prüfungsarbeiten untereinander austauschen. Sie werfen sich gegenseitig Papierstücke zu, besorgen sich die Prüfungsergebnisse und geben sich geheime Zeichen. Es gibt nichts, was sie nicht tun. Einer von ihnen ging unter dem Vorwand, austreten zu müssen, bis zum Erdwall, der das Prüfungsgelände abschließt, grub ein Loch nach außen und streckte die Hand heraus, um sich die Prüfungsergebnisse geben zu lassen."

Historische Aufzeichnungen berichten von Prüflingen, welche die Kontrollbeamten bestachen und einen bezahlten Vertreter unter eigenem Namen antreten ließen. In alten Prozessakten werden Prüfer angeklagt, gegen Bezahlung Fehler in den Klausuren ausgebessert oder in anderer Form zum Betrug beigetragen zu haben.

Glücklich, wer Beamter ist – Seite 4

Da sich solche Vorgänge naturgemäß im Verborgenen abspielen, ist nicht klar, wie hoch der Anteil der Betrügereien im gesamten Prüfungswesen war. Die zahlreichen historischen Berichte über aufgedeckte Fälle und die omnipräsente Korruption im übrigen Beamtenwesen des alten China legen die Vermutung nahe, dass es in einem großen Teil der Prüfungen nicht mit rechten Dingen zuging.

Doch auch gescheiterte Prüflinge konnten zur Plage werden. Der bekannteste Prüfungsversager hieß Hong Xiuquan. Er fiel zwischen 1827 und 1843 insgesamt viermal durch das unterste Beamtenexamen. Durch den Druck der Großfamilie, die ihm mühsam die Ausbildung ermöglicht hatte, durch Anspannung und Enttäuschung erlitt er schließlich einen Nervenzusammenbruch und hatte von da an Wahnvorstellungen: Er hielt sich, beeinflusst von christlichen Missionaren in China, für den jüngeren Bruder Jesu und scharte Jünger um sich. Im Laufe der Zeit gewann er mit seinen wirren Lehren mehrere Millionen Anhänger. 1850 erhob sich seine mittlerweile militärisch organisierte Taiping-Sekte gegen die herrschende Dynastie und brachte das Kaiserhaus an den Rand des Ruins.

Erst nach 15-jährigen Kämpfen gelang es, den Aufstand niederzuschlagen.

Trotz aller Unzulänglichkeiten waren das Prüfungswesen und die so rekrutierte Bürokratie eine wichtige Errungenschaft des alten China. Mit diesem System wurden schon vor rund zweitausend Jahren die Grundlagen dafür geschaffen, schrittweise die meist ineffiziente und inkompetente Herrschaft von Adelssippen abzulösen. Statt des Erbadels sollte im konfuzianischen China eine "Meritokratie", ein Verdienstadel aus den Besten der Gesellschaft, den Staat verwalten.

Das Prüfungssystem wurde unter der Westlichen Han-Dynastie (206-24 v. Chr.)

eingeführt. Zunächst wählte man damit die Beamten der unteren Ränge aus, während hohe Posten noch auf Empfehlung hin vergeben wurden. Von der Song-Dynastie (960-1279) an wurden die Prüfungen dann auch für die meisten höheren der insgesamt rund 20 000 Ämter im Reich obligatorisch.

Die Zulassung zu den Examina stand allen chinesischen Männern offen.

Glücklich, wer Beamter ist – Seite 5

Ausnahmen waren: "Bettler, Bordellbetreiber, Leichenbeschauer, Verbrecher, Polizisten, Torwächter, Musiker, Schauspieler und deren Nachkommen." Diese erstaunliche Offenheit des Systems führte zu einem im Vergleich zu anderen traditionalen Gesellschaften beträchtlichen Maß an sozialer Mobilität: Häufig ermöglichten weniger wohlhabende Sippschaften und Großfamilien einem einzelnen Sprössling durch gemeinsame finanzielle Anstrengungen aller Seiten den Aufstieg in die Beamtenschaft (wofür dieser sich wiederum später erkenntlich zeigen musste). Andererseits war es aber auch oft so, dass die Söhne hoher Beamter, die im Wohlleben aufwuchsen, Playboy-Allüren entwickelten und nicht bereit waren, jahrzehntelang zu studieren und sich durch die Prüfungshölle zu quälen. So sanken einflussreiche Familien wieder ab, und es entstanden keine "Erbhöfe" in der Gesellschaft.

Die Bürokratie trug, wie etwa Max Weber feststellte, bereits Züge der modernen "rationalen Herrschaft": Hier wurden von hauptberuflichen Beamten "kontinuierliche, regelgebundene Amtsgeschäfte erledigt". Beamte hatten festgelegte Kompetenzen und Pflichten. Es gab eine Ämterhierarchie, die in 18 Stufen (vom Amtsbüttel bis zum Minister) unterteilt war, es existierte eine Laufbahn, auf der man nach Dienstalter oder Leistungen befördert werden konnte, Vorgesetzte erteilten ihren Untergebenen in dreijährigem Turnus Führungszeugnisse, die Verwaltung erfolgte schriftlich, und alle Vorgänge wurden in Akten niedergelegt.

Autofahrer werden gezwungen, ihren Wagen waschen zu lassen

Auch wenn die Beamten vielfach korrupt waren, wirkte sich das System insgesamt positiv aus. Durch die Prüfungen siebte man begabte und arbeitswillige Leute aus und zwang sie dazu, den konfuzianischen Kanon, die Ideologie des traditionellen China, zu verinnerlichen. Die feste Ordnung der Ämter sowie deren grundsätzliche Offenheit für alle Bewerber regulierte und stabilisierte die Gesellschaft in hohem Maße. So behielt die Gesellschaftsordnung über alle Kaiserhäuser hinweg fast ohne Modifikationen ihre Struktur. Auch nach dem Niedergang einzelner Dynastien wurde sie regelmäßig vom darauf folgenden Herrscherhaus restauriert. Das System war so gefestigt, dass sich ihm selbst fremde Eroberer - wie etwa die Mongolen im 13. Jahrhundert - nach und nach anpassten und dadurch sinisiert wurden.

Im 19. Jahrhundert zeigte sich jedoch die Kehrseite dieser Ordnung. Sie hatte dem Reich der Mitte zwar Kontinuität und Stabilität gebracht, doch nun verhinderte sie dessen Modernisierung. Der Westen erlebte die industrielle Revolution und tief gehende soziale Veränderungen, Chinas Beamtenschaft blockierte alle Ansätze zu Industrialisierung und gesellschaftlichem Wandel, denn sie fürchtete um ihre traditionellen Privilegien.

Als die Kolonialmächte in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts ins Reich der Mitte eindrangen und dem Land seine ökonomische, politische und militärische Ohnmacht bewusst machten, wurde die Misere vollends deutlich. Die Beamten waren den neuen Herausforderungen nicht gewachsen, das Prüfungswesen, das fachliche Kompetenzen vernachlässigte und nur auf die ethisch-moralische Schulung einer Elite abzielte, wurde den Anforderungen einer modernen Gesellschaft nicht mehr gerecht. So schaffte man schließlich im Jahr 1905 das traditionelle Prüfungswesen ab, an seine Stelle sollte ein Ausbildungssystem nach westlichem Vorbild treten. Doch diese Reformen, die zusammen mit anderen Modernisierungen zugleich die Monarchie retten sollten, kamen zu spät. 1911 stürzten Sun-Yat-sens Republikaner den letzten chinesischen Kaiser Pu Yi, und damit endete auch die Geschichte des traditionellen Beamtenstaates.

Was nicht endete, war die Geschichte der Bürokratie und Korruption. Auch in der Republik und später, in der kommunistischen Volksrepublik, hielten die Funktionäre die Hand auf. Im Staat Mao Tse-tungs scheint sich die Korruption noch in Grenzen gehalten zu haben

Glücklich, wer Beamter ist – Seite 6

es gibt wenig gesicherte Informationen, denn Vergehen von Kadern galten praktisch als Staatsgeheimnis. Sie wurden hinter verschlossenen Türen verhandelt, überführte Funktionäre wurden diskret "entsorgt".

Seit der ökonomischen Liberalisierung Chinas in den achtziger Jahren allerdings feiert die Korruption neue Triumphe. "Bereichert euch!" war eine der Parolen Deng Xiaopings. Diese Devise erfüllen mittlerweile viele der Kader fantasiereich mit Leben, indem sie etwa alle nur erdenklichen Gebühren und Abgaben erfinden und in die eigenen Taschen leiten. Auf der Fernstraße zwischen Peking im Norden und Guangzhou im Süden Chinas wurden beispielsweise vor einiger Zeit 62 "Mautstationen" gezählt, die meisten davon waren illegal, von lokalen Funktionären eingerichtet, an einigen mussten Autofahrer sogar zwangsweise ihren Wagen waschen lassen, bevor sie weiterfahren durften.

Höhere Funktionäre haben, wie die Beamten des alten China, immer noch die besten Möglichkeiten, sich zu bereichern, und sie bedienen sich zum Teil sogar derselben Mittel. Seit kurzem steht der Vizevorsitzende des chinesischen Parlaments, Cheng Kejie, im Verdacht, durch den Verkauf von Ämtern und durch Bestechungsgelder bei Bauvorhaben rund zehn Millionen Mark kassiert zu haben. Angeblich hat der 66-jährige Cheng seine Vergehen inzwischen zugegeben: Er habe das Geld "gespart", um eine Geliebte heiraten zu können. Doch wie im alten China bleiben auch heute die meisten Fälle unentdeckt. Und immer noch scheint es ein wahres Glück, Beamter zu sein.