Der Vorteil der meisten Souvenirs, die man aus der Schweiz mit nach Hause nehmen kann, liegt darin, dass sie klein sind. Klein wie das Land. Natürlich gibt es die monströsen Kuhglocken, mit denen Schweizer gerne ihre Skifahrer anfeuern, und es gibt Alphörner, die vier Meter lang sein können.

Aber Alphörner sieht man heutzutage nur noch in Folkloresendungen. Zwar gibt es ab und an einen Japaner, der eines dieser vorsintflutlichen Instrumente mit nach Hause schleppt, aber die meisten halten sich dann doch lieber an Schokolade, die, so denkt man zumindest, aus jener Milch gemacht wird, die der Senn oben auf der Alp gewinnt. Doch natürlich reichen diese Kühe nicht für all die Schokolade aus, und so müssen auch die Milchkühe aus dem Flachland ran.

Schokolade aus der Schweiz mit nach Hause zu bringen ist natürlich ähnlich fantasielos wie aus Paris einen Miniatur-Eiffelturm oder aus Mallorca ein T-Shirt, auf dem Mallorca steht. Der fantasiebegabte Schweiz-Reisende ist diesbezüglich besser mit den Luxemburgerli der Firma Sprüngli bedient, und vorzugsweise kauft er sie auf dem Zürcher Paradeplatz, wo all die Banken stehen, denn der Gaumenkitzel ist das Gold unter den süßen Kostbarkeiten der Schweiz.

Aber im Grunde genommen spielen die umgerechnet 12 Mark für 100 Gramm keine Rolle das Gebäck - etwa so breit wie ein Fünfmarkstück und so hoch wie der elegante Fingernagel einer Dame - ist eine Investition, die bislang ungeahnte Gewinne im Verzehr von Süßigkeiten wahr werden lässt. Doch die Köstlichkeit aus zartester Buttercreme in diversen Aromen, die sanft wie ein Märchental eingebettet ist zwischen zwei Hügeln aus Meringue-Bisquit-Teig, ist mehr. Sie ist im übertragenen Sinne wie jene Schweiz, die sich immer mehr Schweizer gerne vormachen: ein Fantasiegebilde, gespeist aus vergangenen Bildern eine Kostbarkeit, frei von Fäulnis und Unverdaulichkeiten, ein süßes Kleinod in der Bitternis jener realen Welt, die nur darauf wartet, einzubrechen.

In Wahrheit sagt das wirkliche Leben natürlich schon lange grüezi. Der Senn schläft mit seinen Kälbern, die Wiesen sind vom Wintersport ausgezehrt, die Menschen derart ängstlich, dass sie sich an eine pathologische Ordnung klammern, die Straßen der Städte von einer lähmenden Ereignislosigkeit - der Schweizer fürchtet das Leben als solches, weil Leben unberechenbar sein kann.

Da tut es gut, im Zug zu sitzen, eine Packung Luxemburgerli vor, die Schweiz hinter sich. Man kaut und vergisst und wird versöhnlich. Irgendwann sind sie aufgegessen, und ein Gefühl des satten Wohlseins konkurriert mit dem Gedanken, ob ein bisschen Übergeben nicht vielleicht ganz praktisch wäre.