Jetzt kann er ich sagen", überschrieb der Kritiker Peter Hamm im Jahr 1972 seine Rezension des neuesten Buchs von Peter Handke. In der Erzählung Der kurze Brief zum langen Abschied hatte Handke zum ersten Mal eine autobiografische Vermutungen nahe legende Ich-Figur benutzt, die er auf eine Reise zu sich selbst quer durch die Vereinigten Staaten schickte. Auch im philosophischen Schreiben ist der Übergang von der dritten zur ersten Person ein wichtiger Schritt. Denn in philosophischen Texten wollen wir nicht allein lesen, was dieser oder jener (in der bisherigen Philosophie vorwiegend männliche) Geist dachte, sondern auch, was davon zu halten ist. Dazu aber braucht es welche, die ihre eigene Meinung dagegenhalten. Am deutlichsten geschieht das im Gebrauch der Pronomina "ich" oder "mir". Ohne den Mut zu einem "ich (dagegen) meine" oder "mir (dagegen) leuchtet ein" ist die Position philosophischer Autorschaft nicht zu besetzen. Sie steht nur denen zu Gebot, die nicht nur anderes Denken referieren, sondern, im Austausch mit diesem, selber zu denken vermögen.

Aber muss das so auffällig geschehen? Muss man mit dem eigenen Ich herumfuchteln, wenn es doch um allgemeine Einsichten geht? Der ersten grammatischen Maxime - wo "er" stand, soll "ich" stehen - steht darum nicht zufällig eine zweite gegenüber. Sie stammt von Walter Benjamin. "Wenn ich ein besseres Deutsch schreibe als die meisten Schriftsteller meiner Generation", erklärt er in seiner Berliner Chronik, "so verdanke ich das zum guten Teil der zwanzigjährigen Beobachtung einer einzigen kleinen Regel. Sie lautet: das Wort ,ich' nie zu gebrauchen, außer in Briefen." In Abhandlungen wie in Essays, meint Benjamin, kommt es darauf an, die behandelten Sachen so plastisch wie möglich erscheinen zu lassen. Der Schleier des Meinens raubt dem Gemeinten unnötig Licht und Kontrast. Das volle Niveau der philosophischen Schriftstellerei hätte demnach erst erreicht, wer die eigene Position ausdrücken kann, ohne sich selbst dabei ins Bild zu rücken.

Wo "ich" stand, soll "es" stehen, könnte jetzt die Regel lauten. Das Subjekt der philosophischen Rede soll nicht der Autor, sondern die von ihm angesprochene Sache sein. Man kann die Differenz der beiden Schreibweisen gut an Nietzsche und Hegel demonstrieren. Macht der eine die Windungen und Wendungen seines Denkens publik, lässt der andere den Geist auf Entdeckungsreise gehen. Auch der objektive Ton aber ist nicht ohne Gefahr. Er verleitet zu der geschwollenen Attitüde, die Verhältnisse könnten gar nicht anders dargelegt werden. Ein gut geschriebener Text hingegen hält in Erinnerung, dass er seine Sache im Medium einer individuellen Ansicht der Sache präsentiert. Wir haben hier die in Stilfragen seltene Situation, dass ein Kompromiss die beste Lösung ist.

Die Praxis eines sparsamen, aber unübersehbaren "ich"-Gebrauchs ist jedoch nicht die einzige Form, den Dogmatismus eines objektiven oder subjektiven Stils zu brechen. Eine klassische Lösung bietet der philosophische Dialog - sei es, wie beim frühen Platon, im Format der äußeren, sei es, wie beim späten Wittgenstein, in dem der inneren Rede. Weitere Möglichkeiten bietet das "wir". Die geringste unter ihnen ist der Pluralis Majestatis, mit dem sich der Autor auf einen morschen Sockel stellt. Besser ist da schon ein gelegentlicher rhetorischer Schulterschluss mit den Lesern. "Wie wir gesehen haben" klingt oft weniger autoritär als ein "Es hat sich gezeigt". Ganz unverzichtbar ist darüber hinaus das sachliche "wir", das Autor und Leser an einen gemeinsamen Ausgangspunkt führt. Es erinnert an Lebenslagen und Probleme, die der Autor mit seinen Lesern zu teilen glaubt. Auch wenn es grammatisch an der Subjektstelle steht, ist dieses Wir nicht das Subjekt, sondern vielmehr das eigentliche Objekt der philosophischen Reflexion.

"In philosophischen Texten", so habe ich oben geschrieben, "wollen wir nicht einfach lesen, was dieser oder jener Geist dachte." Der Satz behauptet, dass dies ein Interesse ist, das alle teilen, die große, kleine oder winzige philosophische Schriften lesen. Die Leser dieser Zeilen müssten also, wenn diese Behauptung zutrifft, eben das Interesse haben, aus dem sich das Problem dieser Kolumne ergibt. Dies wäre die Voraussetzung dafür, dass sie dem zustimmen könnten, was der Autor in seinem Namen über diese Sache sagt.