Berlin

Ist das noch dieselbe Partei - jene CDU, die vor wenigen Wochen fast rauschhaft ihre neue Vorsitzende kürte, und diese, die nun wieder beginnt, den dumpfen Verlockungen ihres gestürzten Patriarchen nachzugeben? Von der Merkel-Euphorie zur Kohl-Renaissance? Ja, es ist dieselbe Partei - und niemanden dürfte das weniger überraschen als Angela Merkel selbst.

Von Beginn ihrer Amtszeit an hat sie geahnt, dass die CDU von ihr nicht den spektakulären Neuanfang, sondern zuallererst das Ende der peinigenden Spendenaffäre und den Friedensschluss mit Helmut Kohl erwartete. Wollte sie auch nur die Chance auf den eigenen Erfolg wahren, musste sie ein Arrangement mit dem Patriarchen eingehen. Das hat sie getan: Mit ehrfürchtigen Worten für seine historischen Verdienste, mit dem Verebben ihrer Kritik an seinem Verhalten in der Affäre, zuletzt mit der in Aussicht gestellten Rückkehr in den Schoß der Partei. Damit glaubte Angela Merkel, sich den Freiraum für den Neubeginn erkauft zu haben. Welche Fehleinschätzung!

An Merkels Versöhnungsstrategie hat den Machtpolitiker Helmut Kohl von Anfang an nichts anderes interessiert als das darin liegende Eingeständnis der Vorsitzenden, auf ihren ärgsten Gegner angewiesen zu sein. Mit dem Eklat vor dem Untersuchungsausschuss hat Helmut Kohl dieses Wissen erstmals offensiv ausgespielt und damit gezeigt, wie viel Macht er auch weiterhin ausüben darf.

In einer Partei, die sich ihrer Zukunft - und ihrer neuen Führung - nicht sicher ist, kann Kohl sogar auf wachsenden Zuspruch hoffen. Er steht nicht nur für die glorreiche Vergangenheit, sondern auch für die Sehnsucht einer Gefolgschaftspartei nach einer uneingeschränkten Autorität an der Spitze.

Natürlich ist das Nostalgie - zu wenig, um der CDU noch einen erfolgversprechenden Weg zu weisen, aber es reicht, um die Partei zum Instrument seiner persönlichen Rache zu degradieren. Wer sich an Helmut Kohls verachtenswürdiges Verhalten gegenüber Wolfgang Schäuble erinnert, braucht sich über die Zukunftsaussichten seiner Nachfolgerin keine allzu großen Illusionen zu machen.

Die Partei muss sich zwischen Angela Merkel und Helmut Kohl entscheiden, diesmal wirklich, ohne falsche Kompromisse. Und Angela Merkel muss für sich den ganzen Vorsitz beanspruchen - oder es lassen. Nichts wirkt heute absurder als die harmonistische Vorstellung, mit dem tief verletzten, böse und maßlos gewordenen Kohl sei ein vernünftiges Arrangement zu treffen. Er hat die Partei an die Schwelle zur Selbstzerstörung getrieben. Dieser letzten Kohlschen Verlockung sollte sie nicht nachgeben. Matthias Geis