Berlin

Joschka Fischer entdeckt Asien. Nachdem er im Frühjahr Indien eine Stippvisite abgestattet hat, besucht er dieser Tage Japan und Thailand. Drei weitere Reisen, unter anderem nach Südkorea, Indonesien und China, sollen im Herbst und im Winter folgen. "Nach einem europäischen Jahr 1999", verkündete ein Spitzenbeamter kürzlich vor Asienexperten, "erlebt die deutsche Außenpolitik nun das Jahr Asiens."

Das klingt anspruchsvoll. Und ist doch wenig, wenn man an frühere Zeiten denkt. Eigentlich sollte mit dem Jahr 2000 das "asiatische Jahrhundert" beginnen. Davon spricht heute kaum noch jemand. Die "Asienkrise" hat den Boom-Kontinent in ein klareres Licht getaucht. Das nervöse Interesse, die Mischung aus Faszination und Verunsicherung, die dem riesigen Kontinent Mitte der neunziger Jahre entgegenschlug, ist verflogen.

Unvorstellbar, dass im Jahr 2000 ein Bundespräsident die Arbeitsethik in den Tigerstaaten zum Vorbild für Deutschland erheben würde. Die Diskussion um die "asiatischen Werte", von der Lord Dahrendorf meinte, sie würde die westlichen Demokratien ernsthaft herausfordern, ist eingeschlafen. Selbst die scheinbare Konstante des modernen Asienbildes - der Sprung Chinas zur Weltmacht - gilt nicht mehr ungeprüft, seit der renommierte Politikwissenschaftler Gerald Segal in Foreign Affairs bedenkenswerte Argumente in die Frage münden ließ: "Does China matter?"

Die pazifische Euphorie, aus der 1993 das wirtschaftslastige "Asienkonzept" der Bundesregierung hervorging, ist einer neuen Nüchternheit gewichen. Die Experten, die sich vergangene Woche auf Einladung des Planungsstabes des Auswärtigen Amtes und der Bertelsmann-Stiftung in Berlin trafen, waren sich einig: Berlin hat in Asien derzeit keine vitalen Interessen. Perspektivisch allerdings kann sich das ändern. Es sind im Wesentlichen drei - zum Teil gegenläufige - Entwicklungen, welche die deutsche und die europäische Asienpolitik herausfordern: die wirtschaftliche Gesundung des Kontinents, die fortschreitende politische Destabilisierung und die Nuklearisierung.

Gesundung: Japans Rezession leitete Anfang der neunziger Jahre ein, was am Ende "Asienkrise" hieß. Jetzt ist es Japan, das den Kontinent wieder anschiebt. Die mit Abstand bedeutendste Volkswirtschaft Asiens hat seine strukturelle Krise zwar noch immer nicht bewältigt, doch die steigende Inlandsnachfrage verbessert die Lage zusehends.

Die von der Asienkrise am schwersten betroffenen Länder - Südkorea und die südostasiatischen Staaten - haben (mit Ausnahme Indonesiens) das Tal durchschritten und freuen sich wieder an Wachstumsraten, die über den europäischen liegen.