Mit gut gelernten Antworten ging der Ökonomiestudent Karl Friedrich in seine mündliche Diplomprüfung. "Freihandel ist positiv, weil er erlaubt, dort zu produzieren, wo es am billigsten ist." Der Prüfer nickte anerkennend.

"Freier Kapitalverkehr führt zu einer effizienten Allokation knapper Ressourcen" - zwar war sich Karl Friedrich nicht ganz sicher, was er damit eigentlich meinte, aber seinem Gegenüber schien es zu gefallen. "Wer mit dummen ,Kinder statt Inder'-Sprüchen glaubt, Stimmen fangen zu können, hat sich als Zukunftsminister demaskiert!" Karl Friedrich wusste, dass sein Professor markige Sprüche mochte. Die Prüfung schien bestanden. Doch dann, kurz vor dem Ziel kam diese gemeine Fangfrage: "Wenn Offenheit schon so positiv ist, warum dann nicht freie Einwanderung für alle?" Da tauchten aus den Tiefen von Karl Friedrichs Erinnerungen Schreckensbilder auf. Wie hatte sein Vater auf den Küchentisch gehauen und auf diese gottverdammten Ausländer geschimpft, die ihn selber zum arbeitslosen Fremden in Deutschland hätten werden lassen! Hin und her gerissen zwischen dem Freiheitspostulat der Ökonomie und dem heiligen Zorn seines Vaters, verschlug es Karl Friedrich die Sprache.

Wieso schweigen nicht nur der fiktive Student Karl Friedrich, sondern auch deutsche Politiker jeder Couleur, wenn es darum geht, laut und deutlich zu sagen, dass Ausländerkriminalität und der Missbrauch des Asylrechts klitzekleine Probleme sind? Klitzeklein im Vergleich zur Bedeutung, die Einwanderer für den Wohlstand der Deutschen haben. Die Masse der Ausländer sind unverzichtbare Arbeitskräfte, die ihren Lebensunterhalt durch ehrliche, meist beschwerliche Tätigkeiten verdienen, die Steuern und Abgaben bezahlen, von denen gerade auch notleidende Deutsche leben. Zuwanderung ist deshalb nicht schädlich, sondern unabdingbar. Je stärker Arbeitsmärkte künftig ihren nationalen Charakter verlieren und je stärker Deutschland demografisch altert, desto notwendiger werden ausländische Arbeitskräfte. In einer hoch arbeitsteiligen Weltwirtschaft wird eine Abschottung der nationalen Arbeitsmärkte teuer. Sie bedarf eines kostspieligen Kontrollapparates, und sie provoziert illegale Umgehungsgeschäfte.

Das so genannte Migrationsproblem besteht darin, dass zwar die Vorteile der Zuwanderung der ganzen Gesellschaft zugute kommen. Wer jedoch seinen Job an einen Ausländer verliert, interessiert sich wenig für die anonymen Vorteile für alle. Zu schnell werden dann die Einwanderer dafür verantwortlich gemacht, dass Krankenhäuser überfüllt sind oder Wohnraum knapp wird. Wer seine Kinder in Schulklassen mit mehr Aus- als Inländern findet, wird anders reagieren als die Elite, die ihren Nachwuchs aufs Gymnasium schickt und soziale Brennpunkte nur aus der Tagesschau kennt. Kein Wunder, dass aus subjektiver Betroffenheit oft vergessen wird, wie gering die gesamtgesellschaftliche Belastung durch die Einwanderer und ihre Nachkommen tatsächlich ist.

Zwar sind sich fast alle politischen Parteien in ihrer Forderung nach Freiheit und Offenheit einig - jedoch nur, wenn es um den Import von Gütern und Dienstleistungen geht. Für Menschen werden dagegen neue eiserne Vorhänge zugezogen. Kommt es zur Diskussion über "offene Grenzen für alle", bekommen selbst hart gesottene Liberale weiche Knie. Zwar plädiert man für eine Welthandelsordnung, die für einen offenen Zugang zu den Märkten dieser Welt sorgen soll. GATT, WTO und GATS stehen als Kürzel für globalen Freihandel und weltweite Dienstleistungsmärkte

im internationalen Geld- und Kapitalverkehr sorgen BIZ und IWF für globale Spielregeln. Nur im Bereich der internationalen Migration klafft eine Lücke. Ein GAMP - ein General Agreement on Movements of People ist nicht in Sicht.

Dabei wird wie im Güter- oder Dienstleistungshandel ganz besonders für die Migration eine internationale Zusammenarbeit von Herkunfts- und Zielländern unabdingbar sein. Nur so lässt sich der Vorteil weltweit offener Arbeitsmärkte optimal nutzen. Ein GAMP könnte dafür sorgen, dass Massenmigration gar nicht erst entsteht. Denn die lässt sich nicht in den Einwanderungsländern verhindern. Grenzkontrollen und Zuwanderungsgesetze bekämpfen lediglich die Symptome. Ein GAMP könnte Friedens- und Sicherheitspolitik mit entwicklungspolitischen Maßnahmen verbinden. Ein GAMP könnte die Grundlage bieten für eine Migrationsabgabe, um negative Ballungs- und Verdrängungseffekte in den Aufnahmeländern sowie den Braindrain durch die Auswanderung Hochqualifizierter in den Herkunftsländern kompensieren zu können. Nur ein GAMP liefert den Schlüssel, um national abgeschottete Arbeitsmärkte aufzuschließen, Personenfreizügigkeit zu ermöglichen und die Vorteile der internationalen Arbeitskräftewanderung für Herkunfts- wie auch Zielregionen zu nutzen.