Amerika wird diesen Traum nicht begraben. Zwar ist am vergangenen Wochenende auch der dritte Test des geplanten Raketenabwehrsystems fehlgeschlagen. Dennoch werden viele Verteidigungsstrategen, Militärtechniker und auch die einflussreiche Rüstungslobby so bald nicht darauf verzichten, das auf 60 Milliarden Dollar geschätzte Waffensystem doch noch zu verwirklichen. Viel zu lange hoffen sie schon darauf, in Zukunft einen unverletzbaren Schutzschild über dem amerikanischen Kontinent auszubreiten und das Land so vor Raketenangriffen zu schützen. Solche Visionen sind in den USA populär - Science-Fiction ist nicht zufällig eine originär amerikanische Gattung.

Vorerst aber hat der verfehlte Test für segensreiche Ernüchterung gesorgt. Er bestärkt die wachsende Zahl derer, die die Regierung vor übereilten Entscheidungen warnen. Bislang wollte Präsident Clinton noch in diesem Sommer über das Schicksal des national missile defense system entscheiden

das Drängen für den Startschuss wuchs stetig. Bis 2005 sollte die Technik dann einsatzbereit sein. Spätestens dann, vermuten amerikanische Geheimdienste, werde Nordkorea nukleare Interkontinentalraketen besitzen.

Inzwischen jedoch ist vielen amerikanischen Politstrategen klar geworden, dass eine schnelle Entscheidung mehr Probleme aufwerfen als lösen könnte. Zum einen deutet sich sowohl in Nordkorea als auch im Iran Entspannung an - die Abwehrwaffe scheint nicht mehr so dringlich. Selbst die kampfbereite Außenministerin Madeleine Albright rüstet inzwischen verbal ab und redet nicht mehr von Schurkenstaaten. Zum anderen wächst weltweit die Opposition gegen einen Alleingang der Supermacht. Russland hat seinen Widerstand gegen den Plan angekündigt, und die europäischen Alliierten machen kein Hehl daraus, wie unangenehm ihnen die ganze Sache ist. Und schließlich erkennt man inzwischen auch in Washington, dass ein schneller Startschuss zu heftigen Reaktionen in China führen könnte, insbesondere zu einem Ausbau seines Waffenarsenals.

Angesichts dieser Gemengelage mahnen selbst Fans des Schirms zur Besonnenheit und sähen das schwierige Thema lieber der nächsten Regierung vererbt.

Heimlich wird sich darüber im Weißen Haus manch einer freuen, viele Anhänger hatte die Star Wars-Fantasie dort ohnehin nie.

Ein einziger Grund könnte Präsident Bill Clinton dennoch dazu bringen, dem Pentagon grünes Licht zu geben: der Wahlkampf. Sollten die Republikaner den Druck auf Vizepräsident Al Gore erhöhen und ihn als außenpolitischen Schwächling zu brandmarken versuchen, wäre Clintons Zusage für den Bau eines Abwehrsystems eine prima Wahlkampfhilfe für ihn. Vorsorglich hat der republikanische Spitzenkandidat George W. Bush schon einmal verkündet, das Gelingen des ganzen Unterfangens sei sowieso allein eine Frage der richtigen leadership. Ob Bush gern Science-Fiction liest, war leider nicht zu ermitteln. pin