Für viele wurde es zur großen Überraschung, als Jacques Derrida vor knapp drei Wochen in Frankfurt das Wort ergriff. Auf Einladung von Jürgen Habermas war er gekommen, um über die Zukunft einer "unbedingten Universität" und der Humanwissenschaften zu sprechen. Allein die Einladung war eine kleine Sensation, weiß man doch, dass die Nachfahren der "Frankfurter Schule" nicht gerade zu den Sympathisanten von Derridas "Dekonstruktivismus" gehören.

"Man versteht ihn ja!", hieß es bei manchen erstaunt, die ein Mysterientheater der unreinen Vernunft erwartet hatten, andere dagegen wollten sogar vertraute Töne Humboldts herausgehört haben. In der Tat stellte sich Derrida in die große Tradition der Aufklärung von Kants Streit der Fakultäten bis hin zu Nietzsches metakritischen Ausführungen über Die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Vor allem aber bekannte er sich rückhaltlos zu einer akademischen Professoralität im ursprünglichen Wortsinne: als öffentlich vorgebrachtes Engagement für die Freiheit von Lehre und Forschung.

Die unbedingte, an keine Konditionen gebundene Universität soll daher auch ein Ort sein, an dem Dekonstruktion vor allem in den Geisteswissenschaften betrieben wird: als Frage nach dem Menschen und sein humanistisches Selbstverständnis in Abgrenzung gegenüber dem Tier und im Gegensatz der Geschlechter und Rassen, ja überhaupt als Frage nach den Menschenrechten und einer ethischen Begründung von Menschlichkeit. Der "Dekonstruktion" geht es um ein genuin politisches Engagement, wie Derrida auch in einem ganztägigen Seminar nicht müde wurde, seinem Gastgeber Habermas und den geladenen Gästen an immer wieder neuen Beispielen zu demonstrieren.

Für seine kontinuierlichen Leser war all dies keine Überraschung. Von Anfang an verstand Derrida seine dekonstruktive Methode als politische Praxis, und zwar nicht bloß als Kritik an den eingefahrenen ideologischen Bahnen von Begriffen, Diskursen und Semantiken, sondern als direkte Intervention im Kontext von Institutionen, öffentlichen Räumen und gesellschaftlichen Sprechweisen. Zugegeben: Die ersten Formulierungen der Dekonstruktion verletzten bewusst die Normen und Regeln der universitären Schreibweisen.

Aber schon dieser Bruch mit der Tradition war kein Aufruf zur geistigen Revolte oder Subversion, sondern wollte die Grenzen der "Institutionen" des Denkens aufzeigen.

Wenn wir daher in der jüngst auf Deutsch erschienenen Politik der Freundschaft lesen: "keine Dekonstruktion ohne Demokratie, keine Demokratie ohne Dekonstruktion", so haben wir es mit dem zugespitzten Bekenntnis eines Denkens zu tun, das sich immer schon seiner politischen Verantwortung in Form eines uneingeschränkten Rechts auf die Frage, die Hinterfragung von Machtverhältnissen und der Möglichkeiten von Recht und Gerechtigkeit bewusst war. Und - so muss man hinzufügen - das diese Fragen auch in konkreten politischen Situationen stellte, wie Derrida es beim Kampf gegen die Abschaffung des Philosophieunterrichts an französischen Schulen, bei der Gründung des "freien" Collège International de Philosophie, beim Engagement für Nelson Mandela oder für verfolgte Schriftsteller getan hat.

Derrida, der am 15. Juli 1930 in El-Biar nahe Algier geboren ist, erfuhr früh am eigenen Leibe, was es heißt, ausgeschlossen zu sein. 1942 wird ihm als Jude entsprechend einer Verodnung des Vichy-Regimes der Schulbesuch untersagt. Diese und andere Verletzungen haben sich tief in sein Denken eingegraben und zusammen mit dem Gefühl einer Zugehörigkeit zum Judentum überhaupt eine Unduldsamkeit gegenüber allen Formen von Fremdenfeindlichkeit bewirkt. 1950 geht Derrida nach Paris, um Philosophie zu studieren (unter anderen bei Louis Althusser und Michel Foucault). Es ist die große Zeit der Existenzialisten und der Entstehung des Strukturalismus. Rückblickend nennt Derrida selbst den Marxismus und die Psychoanalyse als die beiden intellektuellen Strömungen, in deren Schatten seine ersten Schreibversuche standen. Aber schon damals suchte er zwischen Tradition und Avantgarde zu vermitteln, das heißt zwischen dem Triumvirat der Meisterdenker: Hegel, Husserl und Heidegger, und den drei großen Zweiflern: Nietzsche, Marx und Freud.