Seit 1990 bemüht sich der in der DDR aufgewachsene Historiker Andreas Malycha (Jahrgang 1956), den Prozess der Gründung und frühen Entwicklung der SED nachzuzeichnen. Dabei ist interessant festzuhalten, dass mit zunehmender genauer Kenntnis der Akten seine Sicht sich der "alten" westlichen Deutung mehr und mehr anzunähern begann.

Jetzt legt er eine umfassende Geschichte der Stalinisierung der SED 1946 bis 1953 vor, die durch intensive Quellenauswertung, Materialreichtum und überzeugende Analyse besticht. Anhand der Archivalien (erstmals auch auf der Ebene der Länder beziehungsweise Bezirke der SBZ/DDR) wird die Entwicklung der Herrschaftsstrukturen und der innerparteilichen Wandlungen in aller Breite vorgestellt.

Im ersten Teil beschreibt Malycha die Auseinandersetzungen um die Bildung der Einheitspartei. Hierzu hatte er 1996 mit seiner Quellenedition zur Vereinigung von SPD und KPD im April 1946 bereits wichtige Vorarbeit geleistet. Seine Auswertung der Quellen zeigt, dass deutsche und sowjetische Kommunisten die "Vereinigung" mit Zwang und Betrug durchsetzten, auch wenn der Autor diese harten, aber klaren Begriffe meidet. Die KPD bekannte sich 1945/46 zur Demokratie und versprach (als Abgrenzung von der Diktatur der Sowjetunion) einen demokratischen, "besonderen deutschen" Weg zum Sozialismus. Sie sicherte den Sozialdemokraten "Parität" bei der Besetzung aller Funktionen in der "neuen" Einheitspartei zu, die eine marxistische Massen- und keine leninistische Kaderpartei sein sollte. Diese Täuschungsmanöver, begleitet von massivem Druck und Zwang der Besatzungsmacht, führten zur "Einheitspartei". Doch schnell erwiesen sich die Zusagen als Betrug.

Nach sowjetischem Vorbild umgeformt

Die Transformation der SED zur "Partei neuen Typus" nach dem Vorbild der KPdSU erfolgte - und das ist eine neue Erkenntnis, die der Autor anhand der Akten gerade der mittleren Parteiebene bieten kann - nicht erst 1947/48, sondern praktisch sofort nach der "Vereinigung". Die Veränderungen der Organisationsstruktur der Partei, die Auseinandersetzungen in den Landesvorständen der SED, bei denen die Kommunisten mithilfe der Besatzungsmacht rasch dominierten, der Beginn kommunistischer Schulung, das alles belegt Malycha. Er bezeichnet diese Entwicklung 1946 bis 1948 als "schleichende Stalinisierung".

Mit dem Verschwinden "anfänglicher Meinungsvielfalt", dem alsbaldigen Zurückdrängen der Sozialdemokraten und der Verfolgung von opponierenden Funktionären, also mit der schnellen Gleichschaltung der Partei kam es aber auch zu Apathie und Resignation an der Parteibasis. Wiederum gestützt auf Akten, beweist Malycha gerade für 1947 regelrechte Zerfallserscheinungen der SED. Diesen Zustand wollte die Führung mit der strikten Stalinisierung, mit der Schaffung der "Partei neuen Typus" nach dem Vorbild der Stalinschen KPdSU überwinden.

Malycha hält zu Recht fest, dass der Kalte Krieg den Stalinisierungsprozess der SED zwar forcierte, aber keineswegs sein Ausgangspunkt war (wie manche früheren SED-Historiker heute behaupten). Er sieht in der Eskalation der Konfrontation der UdSSR mit dem Westen lediglich den "außenpolitischen Rahmen". Als wichtiger (von Malycha allerdings zu kurz beleuchtet) erwies sich der Konflikt Stalins mit Tito. Dieser gab den Anstoß, jeden "besonderen Weg" zum Sozialismus als "nationalistische Abweichung" zu verdammen. Das sowjetische Modell wurde wieder allgemein gültig für die Kommunisten - und damit auch für die SED verbindlich. Der SED-Führung boten diese neuen Rahmenbedingungen 1948/49 einen willkommenen Anlass, die seit April 1946 eingeleiteten innerparteilichen Transformationsschritte zu beschleunigen.