So viele Fotografien von halb nackten und ganz nackten Mädchen auf einem Haufen hat Moskau noch nicht gesehen. Und an was für einem Ort! In der Manege, dem zentralen Ausstellungssaal, der sich dem Kreml gegenüber und nicht weit vom Gebäude der Staatsduma befindet. Hier war es, wo Nikita Chruschtschow Anfang der sechziger Jahre gegen unschuldige Abstraktionisten hetzte und sie alle mit einem schrecklichen Schimpfwort belegte: Homos! Und nun feierte, trotz des Krieges in Tschetschenien und Putins bonapartistischen Gebarens, der russische Playboy in der ehemaligen Hochburg des sozialistischen Realismus mit einer schicken Vernissage sein fünfjähriges Bestehen.

Neben den klassischen Fotos von Marilyn Monroe vor rotem Hintergrund und anderen westlichen Berühmtheiten zeigte die Ausstellung, dass die russischen Mädchen ebenfalls fähig sind, sich nackt und in typischen Playboy-Posen ablichten zu lassen. Wenn es überhaupt einen Unterschied gibt, dann besteht er höchstens darin, dass die russischen Mädchen auf den Fotos irgendwie, nun ja, unmittelbarer, unbeholfener und folglich verlockender wirken. Ein Unterschied wie zwischen Treibhaus- und Feldgemüse. Auf der Vernissage waren viele Moskauer Schönheiten zu bewundern, und ich freute mich für meine Stadt, denn in diesem Punkt sind wir stark, und wenn wir auch nicht solche Autos wie die Deutschen herstellen können, so gelingen uns bis heute immerhin die schönen Frauen, ungeachtet aller Hässlichkeit der russischen Gesellschaft.

Später konnte man bei lauer Abendluft im Neskutschny Sad an der Moskwa halb nackten Tänzerinnen zusehen, die auf den Tischen und sogar dem Dach eines Gartenlokals zu wilder Musik tanzten, und das Boheme-Publikum jaulte vor Glück, und einer der angeheiterten Gäste sagte, dass man so was nicht mal in New York geboten bekomme, und noch etwas später gab es ein Feuerwerk, und ein anderer Gast sagte, dass es so ein schönes Feuerwerk nicht einmal gegeben habe, als in Moskau 50 Jahre Kriegse nde gefeiert wurde. In der Tat, es war ein beeindruckendes Fest, auf dem aus irgendeinem Grunde teurer Whisky umsonst ausgeschenkt wurde und man für Wasser bezahlen musste, das aber sowieso niemand trank.

Ich sah mir dieses Fest an, und nur eines irritierte mich: Alles war da, alle waren da, nur keine Playboys. Kein einziger. Die Russen kriegen es nicht hin, Playboy zu sein, und wenn sie sich auf den Kopf stellen.

ÜBERSETZUNG BEATE RAUSCH Viktor Jerofejews Anthologie mit junger russischer Literatur Vorbereitung für die Orgie ist bei DuMont erschienen