Mit wachsendem zeitlichen Abstand zum Nationalsozialismus ist die Auseinandersetzung damit nicht abgeflaut, sondern sie hat an Umfang und Resonanz eher zugenommen. Seit den achtziger Jahren begleiten uns Wellen des Gedenkens, reihen sich Debatten an Kontroversen, und immer neue Aspekte einer vermeintlich "bewältigten" Vergangenheit rücken in den Vordergrund. Wie erklärt sich diese merkwürdige Disproportionalität von Intensität und Distanz? Die Autorinnen verfolgen zwei einander ergänzende Perspektiven: Aleida Assmann nimmt sich, gleichsam in systematischer Absicht, des "Geflechts unterschiedlicher und gegenstrebiger Erinnerungen" an, Ute Frevert komplettiert diese Sicht mit einer knappen, inhaltsreichen Übersicht doppeldeutscher Geschichtspolitik von 1945 bis in die unmittelbare Gegenwart.

Beides wäre nicht sonderlich erwähnenswert, wenn den Autorinnen in diesem Zusammenspiel nicht ein instruktiver Einblick in die Erinnerungsgeschichte der fünf Nachkriegsjahrzehnte gelänge. Dafür sorgt vor allem die Analyse Aleida Assmanns, die eine methodische Idee und eine gedächtnisgeschichtliche Hypothese zum Ausgangspunkt nimmt. Sie benutzt die Stich- und Schlagworte der Walser-Bubis-Debatte von 1998, um einer Art Erregungsspur der diversen Vergangenheitsbewältigungen bis auf das Ausgangsdatum 1945 zu folgen. Damit setzt sie übrigens, ohne dies zu notieren, einen weithin übersehenen Ansatz fort, den Karl-Heinz Bohrer (NZZ vom 12. Dezember 98) in die Spätphase der Debatte eingeführt hatte. Hinter den Wortkulissen des Meinungsstreits enthüllt sie jene affekt- und emotionsgeladenen kulturellen Muster, die seit Jahrzehnten schon die öffentlichen Erregungszustände prägen. Schamkulturelle Peinigungen konkurrieren und kollidieren mit schuldkulturellen Zumutungen.

Schuld-Ich und Scham-Wir reiben sich aneinander, und nirgends war dies in jüngster Zeit deutlicher als in ebenjener Frankfurter Rede Martin Walsers, deren Zwiespalt die Autorin bis auf die konträren Haltungen eines Thomas Mann oder Karl Jaspers zurückverfolgt.

Der dritten Generation, so Assmann, sei dieser Haltungskonflikt fremd geworden

sie bediene sich der Sprache der Verantwortung

eine Sicht, der sich auch Freverts Ausblick auf die Debatten der neunziger Jahre anschließt.

Damit wird freilich die Pointe der Abhandlung vertan. Könnte es nicht gerade der Verantwortungsdiskurs sein, der in Antwort auf die Überdehnungen des zeitgenössischen Schulddiskurses und die Intimitätszumutungen einer "Erlebnisgesellschaft" eine neue Balancierung von scham- und schuldkulturellen Praktiken erzwingt?