Voller Zauberkraft ist diese Szene: Fiordiligi und Dorabella haben gerade ihre Geliebten verabschiedet. Am Ufer des Meeres stehen sie und blicken ihnen sehnsüchtig in die Ferne nach. Die Welt scheint stillzustehen. Nur in den ruhigen Sechzehntelbewegungen der Streicher hört man das leichte Kräuseln der Wellen, und die jungen Damen schicken einen letzten innigen Gruß über das Wasser. "Soave sia il vento", singen sie. "Sanft sei der Wind, und ruhig sei die Welle." Aber dieses Mal hat die Beschwörung nicht geholfen. Eine eisige Sturmbrise fegt den Verlassenen um die Ohren und zerrt an ihren Negligés.

Auch das Publikum duckt sich unter den Böen. In den Augen beißt der kalte Wind. In die dünne Sommerkleidung fährt er den Premierengästen, unerbittlich, von Anfang bis zum Ende der Aufführung. Ein Mozart-Abend wird zum frostigen Härtetest.

Guglielmo kann Karate, Dorabella trägt Kimono So kann es gehen, wenn Oper, wie in Aix-en-Provence, unter freiem Himmel gegeben wird. Der Mistral, der böige Fallwind aus dem Rhonetal, der an diesem Abend auch schwere Waldbrände in der Provence anfachte, hat die Così fan tutte-Premiere im Innenhof des erzbischöflichen Palais kurzerhand ruiniert.

Dass der Dirigent René Jacobs mit seinen bibbernden Musikern von Concerto Köln eine die Gefühlsverwirrungen der Mozart-Oper genau reflektierende Interpretation erarbeitet hatte, konnte man leider nur erahnen. Viele Artikulationspointen, Farb- und Stimmungswechsel - vom Wind verweht. Und das junge Sängerensemble um die ausgewogen und intensiv phrasierende Alexandra Deshorties als Fiordiligi konnte sich nur mit dem Mut der Verzweiflung gegen die äußeren Widrigkeiten behaupten.

Dabei ist doch die sonnige Atmosphäre, der mediterrane Standortvorteil, das wichtigste Kapital des Festival d'Art Lyrique im Wettstreit der internationalen Musikfestspiele, bei dem man in Aix-en-Provence wieder mit reichlich Pariser Subventionen und verlockenden Künstlernamen an vorderster Stelle mittun möchte. Hier lastet, anders als in Salzburg, nicht der ganz hohe Weltdeutungsanspruch auf den Musiktheaterproduktionen. Der große dramaturgische Knoten wird hier nicht über dem Spielplan geschnürt. Die unbequemen Helden des deutschsprachigen Regietheaters sind in Südfrankreich weit weg. Denn Stéphane Lissner, der das Festival seit drei Jahren leitet und zuvor Chef der Châtelet-Oper in Paris war, ist kein Musikintellektueller, sondern ein cleverer Impresario mit exklusiven Kontakten. Deshalb dirigieren, seit er im Amt ist, Stars wie Claudio Abbado, Simon Rattle, Pierre Boulez oder Esa-Pekka Salonen in Aix. Und für die unverwechselbare Atmosphäre sorgt die Provence.

Aber in diesem Jahr ist doch einiges schief gelaufen, nicht nur wegen des Mistrals. Als Regisseur für Così fan tutte hat Lissner einen Debütanten im klassischen Opernfach verpflichtet: den Chinesen Chen Shi-Zheng, der im vergangenen Jahr das 18stündige, in Wien, Paris und New York gezeigte Kunju-Opernprojekt The Peony Pavilion inszeniert hat. Vielleicht ist er tatsächlich ein neuer Hoffnungsträger in der an Talenten so raren Opernregieszene - als Mozart-Interpret in Aix war er eine Fehlbesetzung. In einen japanischen Garten hat er da Pontes Opern-Neapel verlegt. Die jungen Damen tragen Kimonos und trippeln wie die Geishas. Ferrando und Guglielmo beherrschen asiatische Kampftechniken, aber trinken ebenso gerne Campari am Bistrotischchen. Mit einem unbekümmerten Kulturmix aus Ost und West überzieht Shi-Zheng das Stück. An den Nuancen von Mozarts raffiniertem Spiel um Schein und Sein, Wahrheit und Verstellung jedoch zielt dieser Exotismus vorbei.

Shi-Zheng rührt nur an die Oberfläche der komplizierten Psychologie im Stück, zeigt viel zu wenig vom Seelendrama in den Köpfen und Herzen der vertauschten Liebespaare. Er überhört, wie die Stimmungslagen zwischen Sarkasmus, Tändelei und ernster Empfindungstiefe changieren und sich im zweiten Akt immer existenzieller zuspitzen. Am Ende bleibt nicht viel: einige aparte Anleihen bei der Peking-Oper, ein bisschen fröhlicher Asien-Trash, viele Buffa-Konventionen und nur wenige traumschön hingezirkelte Szenen wie gleich zu Beginn, wenn Fiordiligi und Dorabella schlaftrunken wie aus einer anderen Welt erwachen, sich zärtlich berühren und noch ganz weit weg sind von den Verletzungen, die ihnen die "Schule der Liebe" zufügen wird.