Was für betuchte Hamburger heute Mallorca oder Sylt ist, war früher das Dörfchen Altona im dänischen Holstein, am besten gleich an der Elbe, am schönsten in einer weißen Villa mit Tempelsäulen, zwischen rauschenden Eichen, wo Klopstock zu Besuch kam und Idyllen vortrug. Mit Gartenhäuschen für reiche Hamburger Kaufleute begann die Karriere von Christian Frederik Hansen (1756-1845). Zwei Ausstellungen in Hamburg feiern Dänemarks größten klassizistischen Architekten.

Hansens Vater war Schuhmacher, seine Mutter Amme und Kinderfrau des späteren Königs Christian VII. Es müssen ehrgeizige Eltern gewesen sein. Schon mit zehn Jahren schickten sie den Jungen zum Architekturunterricht in die Kopenhagener Kunstakademie und ließen ihn, sobald er kräftig genug war, eine Maurerlehre absolvieren. Er lernte meisterhaft zeichnen und verdiente sich alle Auszeichnungen, die nötig waren für ein schnelles Vorankommen, reiste, 25 Jahre alt, mit einem königlichen Stipendium nach Italien. Sonne, Künstlerleben, arkadische Empfindsamkeit scheinen den strebsamen Hansen wenig gelockt zu haben. Er schaute kaum nach links und rechts, sondern geradewegs aufs Ziel. In Rom vermaß und zeichnete er an klassischer Architektur, was er schwarz auf weiß besitzen wollte. Zwei Jahre hielt er das aus, andere blieben viel länger, dann kehrte er wieder heim. Auf dem Rückweg besah er sich noch kurz Palladios Renaissancevillen im Veneto.

Die Zeit für architektonische Bravourleistungen war für Hansen allerdings noch lange nicht gekommen. Zwar konnte er, vom König protegiert, sogleich eine Stelle als Landesbaumeister für Altona und das Herzogtum Holstein antreten, doch das bedeutete erst mal durchhalten mit kleinen Reparaturarbeiten. Das Amt des Landesbaumeisters brachte ihn aber mit den richtigen Leuten in Kontakt. Und Rom, Palladio, die antike Baukunst waren genau die richtigen Themen, über die er mit denjenigen Hamburger Kaufleuten Konversation betreiben konnte, deren Reichtum noch neu war, die sich unterscheiden, die repräsentieren und ihre aufgeklärte Bildung demonstrieren wollten.

Ein Hugenotte, Johann Cesar Godeffroy, wurde sein erster privater Auftraggeber. Godeffroy wünschte ein Sommerhaus auf dem Elbhang, wo er seine Schiffe ein- und ausziehen sehen konnte. Hansen entwarf eine, wohl vom Auftraggeber zu weiten Teilen beeinflusste, Mixtur aus französischer Revolutionsarchitektur und barockem maison de plaisance. Sicher nicht das, wovon der Architekt träumte, aber das Ergebnis machte Eindruck. "C. Godefrois Landhaus glänzt oben wie der brillantene Hutknopf des Feldherrn in seiner Pracht", schrieb J. Ludwig Ewald, einer der Reiseschriftsteller jener Zeit.

Der Mann für die Wünsche reicher Hamburger

Was recht geschickt anfing, ging immer fantastischer weiter. Denn nun begann Hansen zu verwirklichen, was er in seinen italienischen Skizzenbüchern aufbewahrte, und manchem verblüfften Hamburger erschien es, als krame da einer "alle Säulen-Ordnungen römischer Trümmer" und "den ganzen Arabesken-Vorrath aus den alten Gräbern der Cäsaren" hervor.

Dem englischen Kaufmann Blacker setzte er einen dem Parthenon abgeschauten Tempel mit Säulengang (heute das so genannte Goßlerhaus) auf den Krähenberg bei Blankenese, so als sei der Geesthang sein Parnass. Für den Altonaer Kaufmann und Bürgermeister Heinrich Bauer errichtete er aus quadratischem Zentralbau, Kuppel und Portikus eine Variante des römischen Pantheon (heute das Elbschlösschen). Und für den Bankdirektor Gebauer ließ er mitten ins dörfliche Idyll aus Kuhstall, Misthaufen und Windmühle eine rousseausche Urhütte bauen, die rund war wie später die Litfaßsäulen und die ein kegeliges Strohdach mit Oberlicht in der Spitze hatte. Fast scheint's, als ob die architektonischen follies aus den englischen Landschaftsparks in Hamburgs und Altonas Vororten ins Gigantische wuchsen.

Neben den Land- und Gartenhäusern, die Hansen eins ums andere auf den Höhenzug der Elbe setzte, entwarf er elegante Bürgerpalais für die Palmaille, noch heute eine der feinsten Adressen Hamburgs. Hier errichtete er auch sein eigenes Wohnhaus. Nicht zu groß, um die Kunden nicht zu übertrumpfen, aber resolut in der Formensprache und nicht im devoten Abseits, sondern direkt zwischen ihnen. Mitten auf der Fassade, in der Höhe der Beletage, prangt einem Firmenstempel ähnlich eine Tempelfront: vier Pilaster, dreieckiger Giebel, fertig. Auf weiteren Schmuck verzichtete Hansen. Er war sich seiner Kunst sicher. Denn als er das Haus baute, lagen auf seinem Schreibtisch die Pläne für Kopenhagens wichtigste Bauten. Christian VII. hatte den Landesbaumeister mit dem Wiederaufbau des im napoleonischen Krieg zerstörten Rat- und Gerichtshauses und des Schlosses betraut. 1804 verließ Hansen dann Altona.

Neunzehn Häuser baute Hansen in Hamburg. Für diese Zeugnisse "einer schönen Epoke" hat Bärbel Hedinger im Jenisch-Haus (auch eine strahlend weiße Elbchausseevilla jener idealistischen Zeit und heute Museum für Wohn- und Lebenskultur) einen Ausstellungsparcours zusammengestellt. Das Altonaer Museum zeigt, als Übernahme aus Kopenhagen, gleichzeitig eine Dokumentation über Hansens dänische Meisterwerke, die kaum schöner sein kann. Rätselhaft, welcher Kran das gigantische, raumfüllende Gipsmodell eines Kapitells ins Museum bugsierte und neben das einem Schuhkarton ähnliche und nicht viel größere Modell der Kopenhagener Schlosskirche stellte. Beide nebeneinander demonstrieren in schöner Verschiebung Hansens Detailbesessenheit und seinen zunehmenden Hang zur geometrischen Vereinfachung.

Noch immer stehen elf von Hansens Gebäuden in Hamburg. Teilweise sind sie liebevoll restauriert, teilweise, wie das Elbschlösschen oder das als Ortsamt genutzte Landhaus Blacker, schändlich verlottert. Offensichtlich wissen die Hamburger nicht so recht, was für einen Schatz sie hier haben. Eine Reise nach Kopenhagen könnte die Sicht schärfen. Denn auch nach knapp 200 Jahren verschlägt einem der Anblick von Frauenkirche, Schlosskirche, dem Rat-, Gerichts- und Arresthaus (keines vom anderen mehr als zehn Minuten Fußweg entfernt) den Atem. Mit unsichtbaren, riesengroßen Lettern auf den Fassaden scheinen diese Gebäude zu predigen. Worüber? Form follows function. Das Arresthaus ist eine Stein gewordene Erziehungsmaßnahme, die Kirche will uns mit fast schmucklosen geometrischen Formen das erste Gebot ins Gehirn einbrennen: "Du sollst keine Götter haben neben mir." Das war vielen zu entschieden, Hansens Kritiker zogen schon zu seinen Lebzeiten über die "Bilderfeindlichkeit", das "Diktatorische" seiner Bauten her. Aber sie schrieben auch: "Man muss einen Künstler wie Hansen vorsichtig beurteilen

er denkt bei der Arbeit."

Altonaer Museum und Jenisch-Haus bis 24. September, Katalog 38,- Mark. Eine prächtige, zweibändige Monografie ist im Deutschen Kunstverlag Berlin erschienen und kostet 298,- Mark