Es steht nicht gut um die Ehe in der Großstadt, und auch die eheliche Geburtenrate lässt zu wünschen übrig. Auf 360 000 Bewohner (und 10 000 Pferde, 30 000 Hunde) nur 37 590 Ehen, woran kann's liegen? An der Lust auf eine "freye, ungezügelte Lebensart", das wäre das eine

außerdem am "oft martervollen Bewußtseyn vieler Männer, den ehelichen Verrichtungen nicht mehr gewachsen zu seyn", aber auch an der Furcht, die "Kinder nicht standesgemäß versorgen zu können", weil es vielen "ganz und gar am gehörigen Erwerbe fehlt". Da kommt eins zum andern: Die Stadt ist voller Zuwanderer, die noch nicht wissen, was aus ihnen wird, das "späte Heirathen" zudem ist Geburten abträglich, und am schlimmsten bremst die kinderverhindernde Mitgift junger Paare das Gedeihen der Stadt: "Kraftlosigkeit und Entnervung" nämlich, die schon am Beginn einer Ehe stehen. Und am Anfang des bürgerlichen Zeitalters, das doch noch blühen soll, jedenfalls wenn es nach dem Arzt Zacharias Wertheim ginge.

Wien, im Jahr 1810. Oft beißen wütende Hunde unschuldige Menschen tot, man heizt meistens zu stark, die Atemluft ist verpestet, das Baden in der Donau ist strengstens verboten, es bekommt dem Menschen nicht, anhaltend stille zu sitzen, die Frauen sind leider zu leicht gekleidet, einige tapfere Ärzte haben durch Experimente an den eigenen Kindern der allgemeinen Pockenimpfung den Weg bereitet. Und einer, ebender jüdische Arzt Zacharias Wertheim, Spross einer Kaufmannsfamilie, hat über die Lebensbedingungen einer Metropole alles, aber auch alles zusammengetragen und aufgeschrieben, was Heilkünstler und Beamte doch besser wissen sollten, um für das Wohl der Bürger sorgen zu können. Schon Hippokrates hat empfohlen, dass ein Arzt alle Umweltfaktoren kennen soll, die auf die Gesundheit einwirken. Und die vornehmste Aufgabe des Staates ist es nun mal, das Wohlbefinden seiner Kinder zu fördern.

Wären da nicht die Gitter, die zur Verhütung des Kindermords über den Kanalabflüssen installiert wurden, wären da nicht all die Totgeborenen und im Findelhaus Abgegebenen, wären da nicht die Ärmsten, die zu früh sterben: man könnte als Arzt seine Ruhe vielleicht finden. Doch dieser, der nicht erwähnt, ein Jude zu sein, und der in seine Statistik nur getaufte Kinder aufnimmt, dieser hier will der Vaterstadt dienen, will nicht "das Unwürdige würdig nennen". Wertheim also verfasst 1810 eine Medicinische Topographie von Wien, die über Gewässer und Klima, über Ernährung und Krankheiten, über die Institutionen des Medicinal- und Armenwesens, über deren Speisepläne für Kranke erster bis vierter Klasse und über die allseits grassierende Mode der Sensibilität und Nervenschwäche Hunderte von Seiten füllt. Wer geisteskrank wird, dem hat es als Kind im Meer der Affekte an der leitenden Vernunft gefehlt, und es sind "Ansteckungsstoffe", die Infektionen verbreiten. Die Bakteriologie liegt noch Jahrzehnte von der Gegenwart entfernt, auch die Bevölkerungsexplosion in den europäischen Städten, auch die jüdische Zuwanderung nach Wien, die bis zum Jahr 1880 dazu führt, dass jeder zehnte Wiener ein Jude ist. Wertheims Gegenwart um 1800 hat der vorzügliche Kaiser Joseph II. geprägt, der der Stadt ihr Spital baute, der "humane, moralisch-religiöse Monarch", der nicht wollte, dass "irgendein Mensch, und sey er auch der verworfenste, hilflos zu Grunde gehe".

Das will auch Zacharias Wertheim nicht, der unter anderem vorschlägt, aus der Abwärme einer Färberei ein warmes Bad für alle Bürger zu heizen. Eines Tages wird er wegen seiner Verdienste das noch kleine Israeliten-Spital mit seiner "vorzüglichen Reinlichkeit" leiten, immerhin. Das hat nicht der treffliche Kaiser, sondern der Bankier Rothschild gegründet. Bald wird Wertheim Vater von elf Söhnen sein, deren drei große Gelehrte werden. Im Ausland.

* Zacharias Wertheim: Medicinische Topographie von Wien

Leben und Überleben im Biedermeier. Hrsg. A. Dunkey und H. Knaus