zeit: Aber dem Staat würde ein zweistelliger Milliardenbetrag fehlen.

Henkel: Die Steuerschätzung ist zu niedrig angesetzt, die Konjunktur läuft weit besser. Außerdem: Wenn der britische Premierminister Tony Blair morgen deutsche Steuersätze für das Jahr 2005 ankündigen würde, dann würden die Investoren morgen gehen. Umgekehrt gilt: Wenn Gerhard Schröder heute einen Einkommensteuer-Spitzensatz von 39,5 Prozent für das Jahr 2005 ankündigen würde, dann würden die Investoren schon heute kommen. Das heißt: Die Zeit zwischen Ankündigung und Wirksamwerden selbst bringt Geld. Dieser Effekt wird von Eichel völlig negiert. Er ist im Grunde ein Fiskalist und kein Steuerdynamiker. Selbstverständlich müssten Bundestag und Bundesrat Steuersatz und Zeitpunkt verbindlich festlegen.

zeit: Dadurch soll ein Loch im Budget verhindert werden?

Henkel: Es gibt einen zweiten Punkt: Ich stelle fest, dass die Fiskalisten in Deutschland zurzeit unglaublich mauern und sich arm rechnen. Das Motiv ist leicht auszumachen. Demnächst wird wieder der Länderfinanzausgleich verhandelt. Deshalb haben alle Beteiligten, ob es ihnen gut geht oder ob sie am Tropf hängen, ein Interesse daran, möglichst arm auszusehen.

Ein dritter Punkt: Die Privatisierung könnte beschleunigt werden. Der Bund hat zwar seine Aufgaben weitgehend gemacht, aber wieso sind immer noch 100 000 Unternehmen - von Landesbanken bis hin zu allen möglichen Kommunalunternehmen - im Besitz der Gemeinden und Länder?

zeit: Und eine Steuersenkung auf Pump?

Henkel: Absolut nicht.