Das muss wehtun: eine Stunde und länger im feuchten Sand herumkriechen, die Knie kalt, die Hände klamm, die Stimme angeraut. Die Zuschauer in der Cumberlandschen Galerie, einem in rostiger Schönheit rekonstruierten Treppenhaus an der Rückseite des hannoverschen Schauspiels, hatten Verständnis dafür, dass Manfred Meihöfer Schillers Räuber beendete, noch bevor der alte Moor in den Kerker geworfen wurde. Vielleicht waren ihm auch nur die Beine eingeschlafen. Der Schauspieler hat alle Rollen des Schauspiels gesprochen, denn die Mitglieder seines Ensembles waren stumm: Plastikzwerge, Gummientlein und Häschen. Sie bewegten sich durch die Zufallslandschaften einer gut gefüllten Sandkiste. Auf der dem Publikum zugewandten Kante des Spielgevierts saß eine Figur, die der Schauspieler als Dramaturgin vorstellte: ein Püppchen mit einem Vollbart. Auch sie hatte gegen den vorgezogenen Schluss nichts einzuwenden und verschwand mit dem Rest des Gummiensembles in der Kiste.

Der kleine Spaß war nachträglich in das Programm der Theaterformen gerutscht, ein gutes Dutzend Zuschauer waren bei der bezaubernden Verrücktheit dabei - Ulrich Khuon, der jetzt ans Hamburger Thalia Theater wechselnde Intendant des Schauspiels Hannover, der Hamburger Kritiker, der sich ein paar Tränen hinter die Gläser seiner dickrandigen Brille gelacht hat, ein paar seiner Kollegen, eine Hand voll Zufallsgäste und Marie Zimmermann, die Leiterin des Festivals.

Sie ist auch Dramaturgin (in Stuttgart), aber einen Bart hat sie nicht.

Denn Dramaturgen mit Bart sind ja oft Konzeptdramaturgen

sie wissen, was in die Zeit passt, sie glauben, dass Theater die Gesellschaft vielleicht immer noch ein bisschen zum Besseren verändert, und sie würden ihrem Publikum lieber "gutes Verstehen" als "viel Spaß" wünschen. Marie Zimmermann, die das Festival auch schon vor zwei Jahren geleitet hat, als es noch nicht "Das Theaterfestival zur Expo" hieß, ist eine Dramaturgin, die ohne Bart und ohne Konzept auskommt.

Auch Schrulligkeit kann wagemutig sein

Sie hat für die Theaterformen - mit 35 eingeladenen Produktionen, davon drei Uraufführungen und 17 deutsche Erstaufführungen - weder die Vollständigkeit einer Bestandsaufnahme angestrebt noch auf die Genauigkeit einer Analyse bestimmter zeitgenössischer Spielformen gezielt. Die Theaterformen haben zwar ein Programm, aber das ist sehr vage - und in seiner gelegentlichen Schrulligkeit auch wagemutig. Die "Erzählformen der Welt" wollte die Festivalleiterin präsentieren und das "Theater der Dinge". Daran kann man eigentlich nicht scheitern. Damit aber schon. Denn das Theater der Dinge, das Figurentheater, ist ja oft nur die ganz kleine Form. Und ein Festival, bei dem ein Schauspieler mit Gummipüppchen in der Sandkiste Schiller spielt und bei dem der kanadische Marionettenvirtuose Ronnie Burkett gleich mit zwei Produktionen vertreten ist, setzt sich schon der Gefahr aus, nicht ganz ernst genommen zu werden.