Irene Hardach-Pinke: Bleichsucht und Blütenträume. Junge Mädchen 1750-1850

Campus Verlag, Frankfurt/New York 2000

238 S., 68,- DM

Sie nahm kein Blatt vor den Mund, die Landgräfin von Hessen, als ihr 1765 abermals eine Nichte geboren wurde: "Wo soll man Männer finden für die 9 Prinzessinnen in Darmstadt?", stöhnte die Tante. Mädchen unter die Haube zu bringen war kein einfaches Geschäft. Je mehr Jungfern man in den Hafen der Ehe zu lotsen hatte, desto sicherer misslang das eine oder andere Heiratsmanöver.

Bürgerliche wie adlige Töchter, die zwischen 1750 und 1850 das Licht der Welt erblickten, verbrachten ihre Jugend zwar im Wartestand zum Traualtar. Doch Irene Hardach-Pinke zeigt, dass sie dabei durchaus auf ihre Kosten kommen konnten. Langeweile plagte jedenfalls keine der Brief- und Tagebuchschreiberinnen, die Hardach-Pinke zu einem hübschen Sittenbild versammelt hat. Sobald sie ihre "Statuspassagen", etwa Konfirmation und Balldebüt, hinter sich hatten, tauchten die jungen Frauen in die Gesellschaft ein, reisten umher, feilten rastlos an Bildung und Manieren - und lauerten unauffällig auf die passende Partie.

Erotik durfte freilich nicht im Spiel sein. Ein Fehltritt hier begrub die Zukunft unter sich. Auch bleichsüchtige Anwandlungen oder Pockennarben schreckten potenzielle Heiratskandidaten ab. Wer sitzen blieb, schlüpfte verschämt in der Verwandtschaft unter oder flüchtete unter die Bräute Christi. Mit Glück ergatterte die "alte Jungfer" vielleicht noch eine Gouvernantenstelle oder einen Platz im Lehrerinnenseminar. Die Vielfalt der Lebenswege macht Irene Hardach-Pinkes Buch zu einem Schmöker, der seine Zeitzeuginnen glänzend präsentiert. Wer sich beim Lesen lieber vergnügt, statt wissenschaftliche Diskurse zu entschlüsseln, ist hier gut aufgehoben.