FRITZ J. RADDATZ: Roman oder biographie romancée? Ihr amerikanischer Verleger spricht in der Werbung für Ravelstein von Roman, aber der Autor - sofern er verantwortlich ist für die Titelseite - nicht; da taucht kein Genre-Begriff auf.

SAUL BELLOW: Ich habe nie von einem Roman gesprochen; allerdings gerät mir alles, was ich schreibe, zu einer Art Roman. Entscheidend ist nicht das Entstandene, sondern das Entstehen, der Prozess des Schreibens. Ich zitiere gerne den Satz, den Alberto Moravia einmal zu mir sagte: "Romane sind immer ein Stück des eigenen Lebens."

BELLOW: Vielleicht liegt das auch am mediengeprägten Publikum, das auf komische Weise "Akkuratheit" verlangt, Nachprüfbares, eine Art technische Zuverlässigkeit. Für mich, für den Schriftsteller, liegt die Sache anders: Gewiss, ich war mit Allan Bloom befreundet, er hat mich sogar gebeten, einmal seine Biografie zu schreiben - aber das Eigentliche war für mich, einen in sich stringenten, narrativen Text herzustellen; der dann gleichsam von sich aus eine Figur schafft. Mein Ehrgeiz ist nicht, einen Scherenschnitt anzufertigen. Meine Ambition ist bescheidener: aus Splittern der Welt eine eigene Welt zu schaffen. Im Fall Allan Bloom hat mir das sehr zu schaffen gemacht, zumal seine Homosexualität. Ein wenig nehme ich mir dies postume Outing immer noch übel; aber schließlich gehörte es zu seiner Persönlichkeit.

FJR: Was ist so furchtbar daran, homosexuell zu sein?

BELLOW: Gar nichts, nicht für mich. Aber die Gesellschaft reagiert noch immer wie auf den Warnruf "Lepra". Doch es ist ja auch ein Buch über die provokanten Thesen dieses Mannes.

FJR: Sie - der Sie einen Saul-Bellow-Biografen mit dem Satz: "Sie bringen Facts und Fiction durcheinander" zurechtwiesen - sind also der Architekt dessen, was wir "Ideenroman" nennen?

BELLOW: Hoch interessante und sehr europäische Frage. Dieser Begriff des "Kulturellen" - meine russischen Eltern sprachen immer von culturnij - ist dem Amerikaner fremd, auch dem dank guter Universitäten gebildeten Amerikaner; er hat keinen Geschmack an culturnij. Auch mir ist das oft als Angeberei verdächtig.