Samstags singen die Rasenmäher in Bonn-Niederholtorf. Und es hängt ein wohltuend müder Heuduft über den Parzellen. Dienstagnachmittags jedoch schweigt die deutsche Seele. Es herrscht Stille, eine Exstaatssekretärsstille. Mittelpunkt dieser Stille ist eine finnische Holzsauna. Sie steht im hinteren Teil des 400-Quadratmeter-Gartens von Geert Müller-Gerbes. "Ein wunderschönes Stück", sagt Müller-Gerbes. "100 Prozent finnisches Holz. Sie müssen wissen, ich bin Skandinavien-Fan." Vor der Sauna, mit Blick auf das Feuchtbiotop, steht ein Holzbottich. An Saunatagen ist der randvoll mit eiskaltem Wasser. Dann steigt der erhitzte Geert Müller-Gerbes in den Bottich, schaudert, prustet und genießt: die Stille. Ein Zustand, den er in knapp 40 Jahren Medienkarriere nur selten erleben durfte. Woran der Gernredner keineswegs unschuldig ist: Er hat viel geredet und wurde gut dafür bezahlt. Jetzt jedoch ist die Zeit zu schweigen und zu genießen.

Geert Müller-Gerbes war ein Gründer, Journalist von der Pike auf. Sein Volontariat machte er bei der Heidenheimer Zeitung. Während seines Studiums in Berlin arbeitete er für den Rias, den SFB und den Tagesspiegel. Dann wechselte er die Seite und wurde Lobbyist, "aus Verantwortung". Müller-Gerbes musste eine Familie ernähren, und IBM zahlte 800 Mark mehr als der Tagesspiegel. In Bonn, damals das Zentrum der Republik, lernte er die medialen Umgangsformen der jungen Demokratie. Eher beiläufig bewarb er sich beim werdenden Bundespräsidenten Gustav Heinemann. Der Coup gelang: Mit 31 Jahren wurde Müller-Gerbes Pressereferent des höchsten Mannes im Staat. Das jüngste Mitglied im Stab. Müller-Gerbes hatte rückblickend seinen Karrierezenit erreicht. "Es gibt doch wohl nichts Höheres für einen Journalisten, als Pressereferent für den Bundespräsidenten zu sein", sagt er mit Stolz.

Die Anekdoten aus der Zeit mit Heinemann erzählt er bereitwillig. "Wir haben an das geglaubt, was wir taten. Für den Alten haben wir uns zerrissen." Zum politischen Geschäft gehören schmerzhafte Rippenstöße und die Kunst, sich unmerklich verbiegen zu lassen. Auf diese Eigenschaften legte Müller-Gerbes keinen Wert. Als Heinemann abtrat, versuchte sich Müller-Gerbes als Sprecher des Ministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit. Er kam mit Ministerin Katharina Focke nicht klar und zog sich radikal zurück. Inklusive einer zweijährigen Durststrecke, die er samt Familie nur deshalb durchstehen konnte, weil seine Frau als Patentanwältin genug Geld nach Hause brachte.

Das Comeback gelang erst, als Frank Elstner ihn zum Deutschlandkorrespondenten von Radio Luxemburg machte. Er berichtete aus Bonn: floskel- und fremdwortfrei, ohne öffentlich-rechtliches Proporzdenken und in damals noch revolutionär kurzen Dreiminutenbeiträgen. Als es dann an die Gründung des Privatsenders RTLplus ging, waren sowohl sein journalistisches als auch politisches Know-how hoch geschätzt. Seine Talkshow Die Woche wurde zum seriösen Aushängeschild des damals belächelten "Tutti-Frutti- Senders". Und Müller-Gerbes hatte für die nächsten 15 Jahre seine mediale Heimat gefunden. Mit Wie Bitte?! moderierte er bis 1999 eines der erfolgreichsten Formate von RTL. Dort erwarb er sich einen Ruf als Lobbyist der kleinen Leute. Müller-Gerbes war verwöhnt - gute Quoten, gute Kritiken und gute Gagen.

Dann ging Helmut Thoma, und Gerhard Zeiler kam; Generationswechsel bei RTL. Müller-Gerbes erfuhr vom Ende seiner Show aus der Zeitung. Er schimpfte in der Bild am Sonntag über die neuen Sitten bei seinem Sender. Und prägte den ebenso naiven wie schönen Satz: "RTL geht es nur noch um Gewinn, Fernsehen wird billigend in Kauf genommen." Er forderte Respekt vor Alter und Erfahrung. Vergeblich. Das einzige Folgeangebot kam vom WDR. Kurzzeitig moderierte er die WDR-Talkshow, bis er sich vor einigen Monaten auch hier verabschiedete. Offiziell sprach man von "inhaltlichen Differenzen", doch Müller-Gerbes redet lieber vom Karrierehunger der Redaktion und der Respektlosigkeit des Senders.

Irgendwie war Müller-Gerbes stets an Ort und Stelle

Und nun genießt Geert Müller-Gerbes die Stille in Bonn-Niederholtorf. Und reflektiert über seine 40-jährige berufliche Laufbahn zwischen Medien, Politik und Industrie, die nun beendet wurde, da im Fernsehen der Jugendwahn herrscht und kaum noch irgendwo graue Haare gezeigt werden können - und seien es die von Frank Elstner oder Erich Böhme.