Die Diskussion, die mein Artikel (ZEIT Nr. 20/00) auslöste, ist nicht zu Ende; sie geht weiter an vielen Orten. Hier habe ich mich auf wenige Bemerkungen zu den vier bisher erschienenen Repliken zu beschränken.

Richard Schröder berichtet zunächst über Eindrücke und Assoziationen, die mein Text bei ihm erweckte, und er vermutet dann dieses und jenes über biografische Hintergründe auf meiner Seite. Dass bei einer so heiklen Sache auch Gefühle gegen Gefühle stehen, ist nicht zu vermeiden, aber was trägt es bei, sich so lange bei diesen Dingen aufzuhalten? Wenn er sich an die religionsfeindliche Propaganda der Kommunisten erinnert fühlt, wäre es mir freilich unangenehm, mit ihnen und dann auch noch, wie an anderer Stelle geschehen, mit den Nazis und ihrer Hetze gegen das Christentum in einen Topf geworfen zu werden. Das käme mir so vor wie: "Wir Christen waren in der DDR die Aufrechten und Integren; wer das Christentum angreift, steht für uns auf der anderen Seite!", und es täte mir leid, wenn das wirklich der Fall wäre.

Der Einwand lautet also: Das ist nicht "objektiv"! Bilanzen sind immer auch Einschätzungssache; sie bringen stets eine bestimmte Perspektive und damit bestreitbare Kriterien ins Spiel, aber statt des Nachweises, dass auch bei mir so etwas im Spiel ist, hätte ich gern erfahren, wie eine solche Bilanz in einer anderen Perspektive ausfällt: Ich vermisse Gegenargumente. Richard Schröder begnügt sich wie viele meiner Kritiker mit Gegenbeispielen; was ich vorbringe, wird meist nur abgeschwächt oder relativiert, aber nicht widerlegt. Mir ging es um eine kulturelle Bilanz: Wie hat die Lehre vom Jüngsten Gericht insgesamt gewirkt? Dass sie auch Trost und die Hoffnung auf eine ewige Gerechtigkeit transportierte, steht meines Erachtens weit hinter der Tatsache zurück, dass die meisten Menschen jahrhundertelang vor der ewigen Verdammnis geradezu physisch zitterten. - Worin, bitte, bestand der Segen der Erbsünden - und paulinischen Rechtfertigungslehre? Hier präsentiert Richard Schröder einfach eine andere Lesart - "Erlösung als Sklavenfreikauf" - und macht es so wie fast alle Theologen, die auf mich reagierten: Sie erklären mir, wie man das Ganze auch, das heißt ganz anders, verstehen kann und wie man es heute versteht, aber das war nicht mein Thema. Unverständlich finde ich den Einwand, ohne die Unterscheidung zwischen Diesseits und Jenseits müssten wir alle Positivisten sein, die nicht mehr für das Gute in der Welt eintreten könnten. Dazu ist zu sagen: Die Differenz zwischen Sein und Sollen fällt ins Diesseits; sie kann in der modernen Welt nur durch unsere profane und endliche Vernunft selber stabilisiert werden, und das ist auch wirklich der Fall. Gänzlich unverständlich ist mir die Deutung des Kreuzes als "Verabschiedung der Opferlogik": Bei Isaaks Opferung war doch einmal das Menschenopfer durch das Tieropfer abgelöst worden; warum mussten dann die Tieropfer und damit die Opfer überhaupt ausgerechnet durch ein erneutes Menschenopfer verabschiedet werden?

Dem Beitrag von Slavoj xizek vermochte ich zwei wichtige Hinweise zu entnehmen. Weil Gnade eine Sache der Souveränität ist und nicht der Liebe, könnte die göttliche Liebe in der Tat nur am schwachen, gottverlassenen Gott erfahren werden. Wäre dies der wahre Sinn des Kreuzes, käme es mir nicht in den Sinn, dieses "christliche Vermächtnis" gering zu schätzen. Dass Universalismus den Ausschluss des Anderen einschließen kann, wird in der heutigen Philosophie unter den Stichworten "Universalismus versus Ethnozentrismus" lebhaft diskutiert. Der wahre Universalismus müsste wirklich das, was anders ist, einschließen; er ist nur als formales Prinzip der friedlichen Koexistenz von jeweils Anderem denkbar.

Hans Maier erörtert Dinge, die ich gar nicht behauptet habe. Ich habe weder vom Christentum als Ganzem gesprochen noch von einem Fluch, der auf ihm liege; sondern von verhängnisvollen Wirkungen, die von seinen Ursprüngen auf unsere Kulturgeschichte ausgingen. Was aus dem Christsein wird, wenn das Christentum sich davon freigemacht haben sollte, blieb offen. Im Übrigen bezog ich mich ausschließlich auf unsere Kultur und nicht auf den Globus, und da ist es nicht besonders originell zu vermuten, dass in der Moderne das verfasste Christentum als die führende Prägemacht ausgeschieden ist; auf meinen angeblichen Vernichtungswillen kommt es dabei gar nicht an.

Zu Robert Spaemann habe ich nicht viel zu sagen, denn sein Artikel hat mir fast die Sprache verschlagen. Zunächst führt er Edith Stein, die Mutter Teresa, den Priester Kolbe und dann sogar unseren Herrn Bundespräsidenten gegen mich ins Feld, um mit ihrer Hilfe und einer unsäglichen Zitatenklitterei mich gleich von vornherein als Narren zu brandmarken, von dem nichts anderes zu erwarten sei als eine "Ökumene der Absurditäten". Zwei KZ-Opfer - da ist auch der Holocaust nicht weit, und tatsächlich: "... den Holocaust sollte man tunlichst leugnen", wird mir unterstellt, denn das läge in "meiner" Logik; da ist sie also wieder, die "Moralkeule".

Die NS-Opfer sind nicht dafür gestorben, dass wir Philosophen uns ihre Leiden um die Ohren schlagen; dass Spaemann dies versucht, ist der eigentliche Skandal und nicht mein Artikel. Eine "Zurechtweisung" nehme ich von ihm nicht entgegen, auch nicht "nach Aristoteles" und schon gar nicht wegen verletzter Gefühle. Das, wovon ich sprach, bedauert sogar der Papst; ich kenne keinen Christen, dem diese Dinge "das Heiligste" wären. Und was ist mit unseren Gefühlen - den Gefühlen derer, denen Wahrheit, Wahrhaftigkeit und intellektuelle Redlichkeit das Heiligste sind? Die werden seit Jahrhunderten vom Vatikan, dem Spaemann bekanntlich nahe steht, immer wieder mit Füßen getreten. Den Gegner erst zur intellektuellen und moralischen Unperson zu erklären, um sich dann predigend der Lesergemeinde zuzuwenden - das ist "Argumentation, die auf die Vernichtung des Gegners zielt" (Hans Maier) - nur ohne Argumente. Armes Christentum, wenn es mit solchen Mitteln verteidigt werden muss!