Joachim Sartorius hat eigentlich allen Grund, auf seine literarischen Verdienste stolz zu sein: Er hat William Carlos Williams, Wallace Stevens und Malcolm Lowry übersetzt, eine Reihe hoch gelobter Bände unter eigenem Namen veröffentlicht und eine grundlegende Lyrik-Anthologie der Gegenwart zusammengestellt, den Atlas der neuen Poesie.

Der Gerühmte aber mag das Lob derzeit nicht mehr hören, ist es doch allzu oft vergiftet. Soeben ist er zum Chef der Berliner Festspiele ernannt worden und nun verantwortlich für Berlinale, Festwochen, Theatertreffen, Jazzfest, die großen Ausstellungen im Gropius-Bau und vieles mehr. Wer ihn nun "sensibel", "melancholisch", einen "poetischen Schöngeist" nennt, bezweifelt im Gegenzug, dass er auch als Manager taugt.

Der neue Mann verfügt über beste Kontakte zu erstklassigen Künstlern in aller Welt. Allerdings weiß er auch, dass er als Festspielleiter nicht eine komfortable Nische bespielen wird wie beim DAAD. Die Festspiele werden künftig vom Bund finanziert. Sartorius, der erste Leiter der neuen Bundes-Festspiele, ist von Michael Naumann und seinem Berliner Gegenüber Christoph Stölzl gegen die geballte veröffentlichte Meinung durchgesetzt worden, die dem Salzburger Impresario Gerard Mortier den Vorzug gegeben hätte.

Sartorius tritt sein Amt also unter verschärftem Beobachtungsdruck an. Das Gleiche lässt sich vom neuen Berlinale-Chef Dieter Kosslick sagen, der ebenfalls in dieser Woche ernannt wurde. Wozu braucht man noch Festspiele - und nun gar Staatsfestspiele - in einer Zeit, die sich vor Events kaum retten kann? Die Großausstellung Sieben Hügel zeigt die Sackgasse des Festivalwesens.

Sartorius steht nicht für die Fortschreibung solcher Event-Kultur. Er wird sich auch nicht als Veranstalter von PR-Aktionen für die Republik der Neuen Mitte zur Verfügung stellen. Er hat sich seine Autonomie von Naumann explizit in den Vertrag schreiben lassen. Wer seinen Weg durch die Institutionen verfolgt hat, kann sich leicht vorstellen, wie er die Festspiele begreifen wird: als ein Instrument der kulturellen Gastfreundschaft. Das ist heute keine unpolitische Floskel. Sartorius wird dazu allerdings den unübersichtlichen Bauchladen, der sich unter dem Etikett der Festspiele gebildet hat, entrümpeln müssen. Er will die Dauer der Musikfestspiele im September auf zwei Wochen begrenzen und das Programm auf die Spitzen des zeitgenössischen Musiktheaters konzentrieren. Das Theatertreffen, die Leistungsschau der hiesigen Bühnen, soll fortgesetzt werden, möglicherweise um ausländische Schwerpunkte ergänzt. Und: Ein Literaturfestival soll hinzukommen, das dem Hauptstadtpublikum die Begegnung mit außereuropäischen Autoren und Themen ermöglicht. Vielleicht wird man Sartorius vorwerfen, hiermit seinen persönlichen Spleen zu pflegen. Dabei haben wir nicht gerade einen Überschuss an Leuten in öffentlichen Ämtern, die über irgendwelche Leidenschaften verfügen. Die Berliner Kulturpolitik allerdings geht hier mit gutem Beispiel voran: Naumann, Stölzl und nun Sartorius - die Stadt versammelt immer mehr eigensinnige und weltläufige Köpfe in wichtigen Positionen. Das sind wahrlich nicht die schlechtesten Vorzeichen.