Neues Handzeichen aus den USA: Drei Finger parallel, Daumen und kleiner Finger kreuzen sich vor der Handfläche. Meint: "Read between the lines!" Sie verstehen? Der lang gestreckte Mittelfinger eingerahmt, zwischen den Zeilen zu lesen. "Got it?"

Between the lines nennt der Komponist und Trompeter Franz Koglmann ein neues Label, das er als künstlerischer Leiter ins Leben gerufen hat, und nichts scheint auf den ersten Blick dem Wiener Ästheten ferner als jener amerikanische Euphemismus. Koglmann gilt als Inbild stilvoller Selbststilisierung, einer Rundum-Inszenierung, die der Popwelt geläufiger Alltag ist, dem Jazz aber suspekt erscheint. Auf dem Sofa vor der metallenen Bücherwand ruht er, die schwarze Katze im Schoß, liest Lettre - aufgeschlagene, mitlesbare Überschrift: Einsamkeit und Ambition.

Man kann sich beim Hören selbst zuschauen, muss nicht in Emotionen schwitzen.

Franz Koglmann, 1947 in Mödling geboren, präsentierte Mitte der achtziger Jahre - angesichts des verblassenden Vorbilds des amerikanischen Jazz - seinen europäischen Gegenentwurf: eine Mischung aus der Zweiten Wiener Schule eines Webern und Berg, der Liebe zu Schubert und dem klanglichen Gestus des Cool Jazz. Europäischer Kammerjazz entstand da in Wien, aufgeladen mit Kreuz- und Querverweisen zu Kunst, Film und Literatur. Schlaf Schlemmer, Schlaf Magritte nannte Koglmann sein Damaskus, nachdem er zuvor dem Free Jazz verfallen war. Die Bekehrung bedeutete auch die Neugeburt Wiens aus dem Geiste der Jazz-Avantgarde, als er zusammen mit Ingrid Karl die Wiener Musik Galerie gründete, einen Ort für Pilger, die nach Kreuzungen suchten, an denen sich Gefühl und Verstand trafen. Und als Losung zitierte er gern den kolumbianischen Dichter Nicolas Gómez Davila: "Die Echtheit des Gefühls hängt von der Klarheit der Idee ab."

Manchem mochte das zu fleischlos, zu durchdacht klingen. Auch die Umkehrung gelte, schrieb der Schweizer Essayist Peter Ruedi zu einer Koglmann-Debatte in der Zeitschrift Forum: "Die Klarheit der Idee hängt von der Echtheit des Gefühls ab", und verband damit den Hinweis, Kunst müsse sich nicht immer als Kunst ausstaffieren, sie dürfe sich auch - nach alter Jazz-Art - mal im Trivialen verstecken. Wie ein spätes Echo kommt da jetzt die anzügliche CD An Affair With Strauss daher, Koglmanns Fantasien über die Melodien von Johann Strauss: ein beschwingtes Gleiten, das walzerhaft kaum den Boden berührt, ein nachdenkliches Schlendern, all das versetzt mit Fledermaus und Schöner Müllerin, zitiert und paraphrasiert vom Monoblue Quartet.

Verschiedener könnten die Musiker dieses traumhaften Kaffeehausquartetts nicht sein: der Engländer Tony Coe, zwischen sinnlicher Eleganz und Verknappung pendelnd

die kontrollierten Gitarreneruptionen des bleichen, hornbebrillten Burckhard Stangl zur sonnengebräunten Vollmundigkeit des Bassisten Peter Herbert und dazwischen und darüber das melancholische Musiksprechen des Trompeters. Unter all seinen verschiedenen Formationen bleibt das Monoblue Quartet die genussvollste Verwirklichung von Franz Koglmanns Forderung nach der "Genauigkeit in der Melancholie". Zum einen, weil die individuellen Differenzen der Musiker diese notwendig zur Einheit drängen, mehr aber noch durch die Verbindung aus der Wärme des Tonfalls mit der Kühle des Gedankens - eine Kombination, die den Kern der Musik Koglmanns verkörpert. "Show some emotion - and I'll fire you", herrschte einst das Rockgenie Lou Reed seine Musiker an. Musikalisch fern und doch nah im Geiste.