So still geworden um den 1982 gestorbenen Erzähler, Dramatiker, Maler, Filmemacher - auch wenn sich der junge Regisseur Philip Tiedemann am Berliner Ensemble gerade am berühmtesten Stück, Marat/Sade, verhoben hat

auch wenn keineswegs nur sozialistische Lesezirkel sich immer wieder um das thematisch überfrachtete Hauptwerk des Erzählers scharen, Die Ästhetik des Widerstands.

Doch plötzlich ist er da: Peter Weiss. Ein großer Erzähler - mit einem, als Roman, eher gescheiterten Werk: Die Situation. Atemlos liest man die 250 Seiten einer Künstler-Biografie. Ein wildes Buch, trotz der Gliederung in den Ablauf eines Tages (Nacht: 91 Seiten, Tag: 111 und wieder Nacht: 40 Seiten).

Ein keineswegs mehr junger Mann, 40 Jahre alt, schlägt um sich. Er will endlich wissen, wer er ist. Der von den Nazis verfolgte Künstler, ins Exil gezwungen, weiß nicht mehr, wohin er gehört. Aus der (deutschen) Muttersprache vertrieben, seit 1940 in Schweden lebend und das fremde Idiom so perfekt beherrschend, dass er Prosagedichte auf Schwedisch veröffentlichen kann, weiß sich der bis ins Krankhafte hoch begabte Künstler nicht zu entscheiden zwischen der Bestimmung zum Maler, zum Dramatiker, Erzähler, Regisseur oder Gesamtkunst-Werker als Experimental-Filmer. Opfer sind - die Frauen, die er heimsucht.

Die Krise bricht aus, als der zwischen allen Fronten und Parteien zerrissene Kerl erleben muss, dass im Herbst 1956 die beiden Weltmächte, denen er anhänglich misstraut, den Sündenfall begehen, über den er nicht hinwegkommt: Die sozialistischen "Bruderstaaten" marschieren mit Panzern in Ungarn ein, walzen alle Ansätze von Demokratie nieder

gleichzeitig schickt "der Westen" Militär an den Sueskanal, wo der ägyptische Ministerpräsident Nasser mit der Enteignung der Wasserbehörden den Kolonialismus in seinem Land beenden will.

Großartig dramatische "Situation" für einen skeptischen Intellektuellen, der schon "nein" denkt, wenn er "ja" sagt. War Peter Weiss, der unbeirrbar für die Wahrheit (seine Wahrheit) kämpft, nicht überall verschrien? Wie wurde der Autor des Gesangs vom Lusitanischen Popanz (1967) von westdeutschen Zeitungen als "roter Partisan" des Vietnam-Diskurses (1968) beschimpft.