Wer diesen faszinierenden Roman heute liest, ein halbes Jahrhundert nachdem Peter Weiss die einzelnen Erzähl-Stücke wie in einem Puzzle zusammengesetzt hat, sodass oft lang nicht klar wird, wer jetzt spricht (zumal da oft, mitten im Satz die Erzähl-Zeit - und der Erzähler ich/er wechseln) - wird zurückversetzt in die Jahre, als die Schreibereien von Emigranten in dem von alten Nazis unterwanderten Adenauer-Staat wenig galten. Als Peter Weiss sich für die Demokratien des Westens entscheiden wollte, musste er lernen, dass ein 14-jähriger Negerjunge in Mississippi gelyncht wurde. Der hatte, ein Kompliment, einer weißen Frau einen Pfiff geschenkt. Die Dame fühlte sich beleidigt. Kind erschlagen, Täter freigesprochen.

Wie soll man da im "freien" Westen leben? Alle Ängste des 1916 in Nowawes bei Berlin geborenen Autors kehren wieder. Wird 1956 kein Friedensnobelpreis verliehen? Nun sterben auch noch die großen Meister: Benn, Brecht - und in Deutschland wird die Kommunistische Partei verboten.

Dies ist das Klima, in dem der von seinen Landsleuten seit Jahrzehnten verfolgte Künstler zu überleben versucht. Dass er diesen wilden, gehetzten Roman vollendet hat, in dem so viele Ansätze für spätere Werke angelegt sind, ist ein Wunder. Was wäre deutsche Literatur ohne die von Emigranten dem Leben abgetrotzten Texte, wie wir sie hier kennen lernen.

Da mag noch vieles kommen in diesem Jahr: Dies ist eines der großen Bücher von 2000, verquer und hinreißend, Leseerwartungen enttäuschend - und Lebenssehnsüchte erfüllend. Wie Peter Weiss einmal formuliert: "Alter Schlamm und Diamanten".

Peter Weiss:

Die Situation

Roman