An das Datum erinnert er sich noch genau: 14. März 1994. An diesem Tag erhielt er das Ergebnis seines HIV-Testes: positiv. Martin Schuster* saß zu der Zeit gerade an seiner Magisterarbeit im Fach Publizistik, einer Abhandlung über die Geschichte des Fernsehens in der DDR. Die Arbeit hat er nie zu Ende gebracht. Wozu noch studieren? Es vergingen nur wenige Monate, da schaffte Schuster es kaum noch die Treppe rauf in die Wohnung. So erschöpft war er. Dann entdeckte er beim Rasieren die ersten dunklen Flecken im Gesicht. Kaposi-Sarkom - Hautkrebs als Folge der HIV-Infektion. Als immer mehr Flecken auftauchten, dachte er: "Das ist das Ende."

Fünf Jahre später ist sein Gesundheitszustand trotz HIV weitgehend stabil. Schuster ist kräftig und hat eine gesunde Gesichtsfarbe. "Mir geht's gut", sagt er. Gesundheitlich. Damit die Krankheit nicht wieder ausbricht, schluckt er jeden Tag 20 Tabletten. Seine finanzielle Situation jedoch findet er "absolut frustrierend". Der 37-Jährige lebt heute von 730 Mark Erwerbsunfähigkeitsrente und einem 630-Mark-Job im Archiv eines TV-Senders. Weil er "jeden Pfennig umdrehen muss", will er den Magisterabschluss nachholen und sich durch ein Aufbaustudium eine solide berufliche Perspektive im Gesundheitswesen schaffen.

Weil für HIV-Infizierte ein neuer Start ins Berufsleben mit besonderen Problemen und Risiken verbunden ist, gibt in Berlin der Verein zukunft positivHIV-Infizierten beim Neustart psychologische wie juristische Hilfestellung. Auch in München, Hamburg, Köln, Bielefeld und Essen hat die Aidshilfe Projekte ins Leben gerufen, die die Kranken in Fragen der sozialen Sicherung und Berufsplanung unterstützen.

Wem es besser geht, der spürt den Sozialneid der Mitmenschen

Eine Umfrage zum Thema Aids und Arbeit , die zukunft positiv in Berlin unter 223 Männern und Frauen mit HIV und Aids durchführte, ergab, dass die Hälfte zum Zeitpunkt der Befragung nicht erwerbstätig war. Drei Viertel von ihnen gaben an, dass sie wieder ins Berufsleben einsteigen möchten.

Auch Udo Ehlert* will "nicht mehr als Rentner auf Halde leben". 1988 gaben ihm die Ärzte noch zwei Jahre. Ehlert "rauschte in eine Depression", brach sein Psychologiestudium ab, suchte sich auf einem Berliner Friedhof eine schöne Grabstelle aus. Auch bei ihm ließ sich die Krankheit medikamentös eindämmen. Die Erkenntnis "Nun stirbst du doch nicht" brachte Ehlert an den Rand einer "Identitätskrise". Heute lebt der 46-Jährige von einer Erwerbsunfähigkeitsrente und von Sozialhilfe. Seit es ihm besser geht, macht ihm der "Sozialneid" seiner Mitmenschen zu schaffen. Wenn er im Treppenhaus Nachbarn trifft, spürt er ihre fragenden Blicke im Rücken. "Der ist doch jung und fit - wieso geht der nicht arbeiten?" Ehlert stellte sich dieselbe Frage und besucht jetzt ein dreimonatiges Orientierungs- und Qualifizierungsseminar bei zukunft positiv . Dort übt er Bewerbungsgespräche, lernt Strategien zur Stressbewältigung im Job, nimmt an einem EDV-Kurs teil und macht ein Berufspraktikum. Das Seminar gibt den Kranken die Möglichkeit, die eigene Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit zu überprüfen. Denn auch wenn sich mit den neuen Medikamenten länger leben lässt, leiden viele Patienten unter Nebenwirkungen wie Übelkeit, Schwindel, Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten.

Bereits nach der Hälfte des Seminars hat Udo Ehlert erkennen müssen, dass eine Rückkehr ins Erwerbsleben für ihn wohl eher nicht mehr infrage kommt. Sein momentan stabiler Gesundheitszustand könne schnell wieder "zerbröseln", der Verzicht auf die Rente also ein zu großes Risiko sein. Er hofft nun, bei einer Berliner Kleingartenkolonie auf ehrenamtlichem Weg eine "sinnstiftende Tätigkeit" zu finden, die er flexibel an seine schwankende Leistungsfähigkeit anpassen kann.