* Fußnote

Corinna Rückert bringt ihren Sohn ins Bett, putzt sich die Zähne und zieht den Stapel Pornos aus dem Regal. Es war ein langer Tag. Der Morgen begann mit einem Filmanalyseseminar, strukturalistischer Ansatz, in dem Studenten Kameraeinstellungen des Films Blue Velvet untersuchten. Zum Mittagessen fährt die 35-jährige Dozentin Rückert kurz heim, ins kleine Backsteinhaus draußen auf dem Land bei Lüneburg. Bei Brot mit Wildschweinschinken führt sie mit ihrem Mitbewohner, einem Doktor der Sozialpädagogik, die üblichen Debatten: Haben nun die Ägypter die erste Schrift erfunden, oder kann man die Keilzeichen der Sumerer schon der Schrift zurechnen? Intellektuellen-Small-Talk. Dann geht es weiter mit den Studien, bis es dunkel wird.

Aus den nächtelangen Studien ist eine Doktorarbeit geworden: Frauenpornografie. Pornografie von Frauen für Frauen. Im November hat Corinna Rückert sie an der kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Lüneburg eingereicht. Ein magna cum laude gab es dafür von den Prüfern. Dreimal eine Eins. Jetzt hat sie auch noch empirisches Material vorgelegt, vergleichbar einem Chemiker, der seine Annahmen und Berechnungen noch mal im Labor überprüfen muss. Das Geburtstagsgeschenk heißt der Pornofilm, der dabei herausgekommen ist. Ab Anfang August gibt es ihn in Frauenerotik-Shops zu kaufen.

Mit dem Kameramann Roman Miller hat sich Rückert zusammengetan, unter dem gemeinsamen Pseudonym Cora Romanelli machten sie sich ans Werk. Ein Hamburger Kaufmann stellte ihnen 20 000 Mark zur Verfügung - ein relativ großes Budget für ein Experiment. 5000 Mark kostet ein handelsüblicher Billigporno. Per Anzeige in der Erotikzeitschrift Happy Weekend suchten sie Darsteller. Innerhalb von zwei Wochen lagen 50 Bewerbungen auf dem Tisch, doch nicht jeder war geeignet.

Der 35 Jahre alte, 95 Kilo schwere Lastwagenfahrer aus dem hessischen Lauterbach etwa wollte aus Gründen der Diskretion nur mit Perücke auftreten. Bei einer Hausfrau aus Aschaffenburg war die herausgewachsene Dauerwelle zu dominant, ein Herr Mitte fünfzig hatte eine Haut, die wie Pergament schimmerte. Am Ende fiel die Wahl auf ein Go-go-Girl aus Tübingen und eine arbeitslose Berliner Kostümbildnerin. Der Freund der einen, ein Architekt, wurde gleich mit engagiert.

Corinna Rückert baute das alte Bauernhaus eines Bekannten bei Lüneburg zum provisorischen Studio aus. Für das Storyboard brauchte sie gerade mal einen Abend; sie kannte ja genügend Vorlagen. Beim Dreh Ende März wurden 29 Einstellungen in zwei Tage gezwängt. Sex im schnellen Durchlauf - selbst bei einem Experimentalporno für die Wissenschaft ist das so. "Eine tolle Regisseurin", lobt die Darstellerin aus Berlin. "Cora war immer sehr sachlich und konzentriert. Das hat uns die Scham genommen."

Ist der Versuch gelungen? "Mich macht der Film nicht an", antwortet Corinna Rückert. Aber darauf komme es auch gar nicht an. Sie ist eben keine Pornofilmerin, sondern ehrgeizige Wissenschaftlerin: "Ich hab ja nicht meine Fantasien umgesetzt, sondern Forschungsergebnisse."