Ein Schultag in den USA: Eine Schülerin rollt aus dem Bett, wäscht und kleidet sich in Rekordzeit an. Noch schnell das Chemiebuch einstecken

es ist leicht zu finden: Bunt leuchtet das Nike-Logo vom Umschlag. Sie rennt zu "ihrem" Schulbus - dem mit der unübersehbaren 7-Up-Werbebemalung. In der Schule angekommen, sprintet sie an Reklamepostern vorbei zum Klassenzimmer.

Es ist ihr Glückstag: Im Unterricht wird sie für ihre guten Leistungen mit einem Pizza-Hut-Gutschein belohnt. Später sieht sie ein Video über ausgewogene Ernährung - gestiftet von McDonald's. Nachmittags kehrt sie heim und rät ihrer Mutter, doch lieber in einem anderen Supermarkt einzukaufen. Er liegt zwar weiter weg, doch dafür spendet er den Gegenwert jedes eingereichten Kassenbons für den Kauf von Schulcomputern.

So oder so ähnlich sieht der Alltag vieler US-Schüler aus, klagen Bildungs- und Konsumexperten: ein ständiges Berieseln mit Werbung, Markennamen und Produktinformationen. Gesponserte Unterrichtsprogramme bringen Grundschülern das Lesen per Firmenlogos bei. Schüler lernen Chemie, indem sie die Dickflüssigkeit zweier Spaghettisoßen vergleichen. In Utah sind selbst Pennälerklos mit Werbeplakaten gepflastert. In Colorado belohnt Coca-Cola jedes Jahr einen besonders fleißigen Schüler mit einem brandneuen Ford. "Und ich dachte, man geht zur Schule, weil es gut für einen ist, nicht weil man ein Auto dafür bekommt", grübelt Alex Molnar, Direktor des Center for the Analysis of Commercialism in Education (Cace).

Tatsächlich scheint sich der Schulbesuch in den USA ganz besonders für Konzerne zu lohnen. Zwischen 1990 und 1999 schnellte die Zahl der in Medien berichteten Beispiele kommerzieller Aktivitäten an US-Schulen um 303 Prozent nach oben, fand Cace heraus. Zwar gibt es noch immer viele Firmen, die Schulen und Universitäten allein aus sozialer Verantwortung unterstützen, ohne dafür Werbenutzen einzufordern. Doch, so klagt das Center for Commercial-Free Public Education (CCFPE), "die Kommerzialisierung von Amerikas Klassenzimmern hat epidemische Ausmaße angenommen".

Sportartikelhersteller, Fast-Food-Ketten, Softdrink-Produzenten und unzählige andere Firmen lechzen danach, die kauffreudigen Teens für sich zu gewinnen, und viele Direktoren und Lehrer nehmen bereitwillig, was Sponsoren ihnen anbieten. Denn das Geld ist vielerorts chronisch knapp - besonders für Sportanlagen, Kunstprogramme und Computer, bisweilen jedoch auch für neue Schulbücher und Unterrichtsmaterialien. Medien berichten von Schulen, die sich Firmen mit Hochglanzbroschüren anpreisen, Marketingvertreter erzählen von Schulleitern, die angesichts von Sponsorenschecks in Tränen ausbrechen.

"Ehrlich, ohne die Hilfe von Firmen könnte meine Schule nicht überleben", sagt Pfarrer Peter Weigand, Direktor einer religiösen Privatschule in Washington. Wenn Firmen Software oder Sportgeräte spendierten und den Schulen so finanziellen Freiraum für Bücher und Lehrerstellen gäben, "tragen sie genauso viel zu einer guten Ausbildung bei wie die meisten Pädagogen", schrieb Weigand in der New York Times.

Jährlich rund 600 000 Dollar mehr in der Kasse hat etwa der Schuldistrikt 11 in Colorado Springs, seit er sich bereit erklärte, in seinen Aulas und Schulhöfen nur noch Coke-Produkte zu verkaufen. Die Konkurrenten Pepsi und Coca-Cola wetteifern seit Jahren um solch exklusive Ausschenkrechte in Schulen. In den vergangenen zwei Jahren schnellte die Zahl entsprechender Abmachungen laut CCFPE von 46 auf 180. Mit den zusätzlichen Dollars finanziert der Distrikt Unterrichtsausflüge oder Instrumente für die Schulkapellen - Extras, für die Schüler früher oft mühsam in ihrer Nachbarschaft Geld sammeln mussten.

Während der Lehrer den Schülern gesunde Ernährung beibringt, stellt die Schulleitung mehr Getränkeautomaten in die Aula, weil sie vom Verkauf jedes Süßgetränks profitiert - schließlich trinken US-Teenager einer viel zitierten Studie zufolge heute doppelt so viel Cola & Co. wie Milch. Vor 20 Jahren war es umgekehrt.

Was Kritiker als "zutiefst unmoralisch" geißeln, findet John Bushey vom Schulamt 11 normal. "Aus aller Welt rufen mich Leute an, aber bei uns vor Ort war das überhaupt kein Thema." Bushey schickte den Schulleitern seines Bezirks ein Memo, das anregte, den Schülern auch noch im Unterricht das Trinken bestimmter Coke-Produkte zu erlauben.

Auch Marketingexperte Dan DeRose, der den Colorado-Springs-Cola-Vertrag vermittelte, staunt über die "überaus naiven" Seelen, die gegen den Schulkommerz kämpfen. Sie wären wohl schon lange nicht mehr auf einem Pausenhof gewesen, höhnt er. "Geh heutzutage in irgendeine Schule - Corporate America ist schon da." Die US-Teenager gelten als markengeil. Auf ihren T-Shirts und Baseballkappen prangen Firmenlogos, je auffälliger, desto besser. Und welchen Unterschied machen schon ein paar Reklameposter, argumentieren die Befürworter - wenn jährlich ohnehin Anzeigen im Wert von geschätzt rund 1,3 Milliarden Dollar Amerikas Jugendliche ködern?

Möglicherweise viel, warnt Molnar. Im Unterricht seien Teenager besonders anfällig für Einflussnahme. "Denn Schulen basieren auf dem Vertrauen, dass, was dort passiert, gut für einen ist." Unter diesem Blickwinkel besonders beunruhigend sind Sponsorengaben wie jenes Unterrichtsset von Procter & Gamble, Hersteller unter anderem von Babywindeln. Es lehrt, wie umweltfreundlich der Kahlschlag von Wäldern sei. Das Abholzen, texteten die PR-Experten, "ahmt die Art der Natur nach, sich der Bäume zu entledigen".

Wegwerfwindeln, so das Fazit der Materialsammlung, seien naturverträglicher als Stoffwindeln. Ähnlich voreingenommen sind 80 Prozent der gesponserten Themenpräsentationen, fand die Verbraucherbehörde Consumers Union bei einer Studie Mitte der neunziger Jahre heraus: Sie sind unvollständig, verschweigen unangenehme Fakten oder betonen für sie vorteilhafte Argumente.

Kalifornien verbietet Firmenlogos in Schulbüchern

Kritiker fürchten, dass es am Ende so weit kommen kann, dass sich zahlungskräftige Sponsoren kritische Lehreranmerkungen zu ihren Produkten verbitten. Totaler Blödsinn, sagen Marketingvertreter. Doch Andrew Hagelshaw vom CCFPE hat es schwer, Lehrer zu finden, die bereit sind, aggressives Firmensponsoring öffentlich zu kritisieren. "Sie reagieren nervös und ängstlich", hat Hagelshaw festgestellt. Lehrer sind in den USA keine Beamte, und wie groß der Einfluss der Wirtschaft in amerikanischen Schulen sein kann, demonstrierte schließlich der "Coke Incident" im März 1998. Damals wurde ein Oberstufler in Georgia zeitweise vom Unterricht ausgeschlossen, weil er am "Coca-Cola Day" seiner Highschool ein Pepsi-Hemd trug. Der Teenager habe sich respektlos verhalten, argumentierte die Schulleitung.

Nicht zuletzt wegen solcher Beispiele glaubt das CCFPE einen Stimmungswandel zu erkennen. Jüngst konnten die Kommerzgegner ein paar Siege verbuchen.

Kalifornien verbietet seit dem vergangenen Jahr Firmenlogos in Schulbüchern, nachdem ein Verlag begonnen hatte, Mathe anhand "realitätsnaher" Aufgaben zu lehren. Textprobe: "Will spart sein Taschengeld für ein Paar Nike-Schuhe, die 68,25 Dollar kosten. Wenn Will pro Woche 3,25 Dollar verdient, wie lange muss er dann sparen?"

In mehreren Bundesstaaten und Städten entschieden sich Schulen zudem gegen exklusive Getränkeverträge. Und der US-Senat hielt im vergangenen Jahr eine eigene Anhörung zu Channel One ab, einem umstrittenen Nachrichtensender speziell für Heranwachsende, der mittlerweile von über acht Millionen US-Schülern im Klassenzimmer gesehen wird. Der Sender stattet Schulen gratis mit Satellitenschüsseln, Videorecordern und Fernsehern aus. Im Gegenzug müssen die Schulen sich verpflichten, einen Teil der Unterrichtszeit fernzusehen. Zwei der täglich zwölf Minuten Bildungsfernsehen bestehen aus Werbung. Einer Cace-Studie zufolge kostet Channel One die amerikanischen Steuerzahler damit jährlich 1,8 Milliarden Dollar an verpasster Unterrichtszeit - ein Schultag geht allein für Werbung drauf.

Doch aufgrund des starken Lobbyings von Firmen und Channel One sowie der finanziellen Not vieler Schulen glauben Kritiker wie Werbefreunde, dass sich der Trend zur Kommerzialisierung der Schule eher noch verstärkt. Trotz "Coke Incident" und Spaghettisoßen-Lehrversuchs "haben wir den Höhepunkt noch nicht erreicht", sagt nicht nur David Walsh, Direktor des National Institute on Media and the Family und Autor des Buchs Selling Out America's Children.

Die Konzerne finden immer neue Wege, um in den Schulalltag einzudringen, seit neuestem etwa über das Internet. Den Zugang dazu sowie die Computer stiftet seit einiger Zeit eine kalifornische Firma, die anschließend elektronisch überwacht, wohin die Schüler im Netz surfen. Die so gewonnenen Daten werden weiterverkauft. Und natürlich flimmern Anzeigen über den Bildschirm.

Zyniker sehen bereits eine Zukunft voraus, in der selbst Klausuren Werbeaufdrucke tragen und Klassenzimmer gepflastert sind wie ein Formel-1-Wagen. "Es steckt viel Geld im Schulsponsoring", sagt Molnar. "Und wenn es ums Geldverdienen geht, ist in Amerika fast alles erlaubt."