Hier geht's lang, Herr Clement!

Im Anfang war die Wette. Da pokerte der Sozialdemokrat Wolfgang Clement mit dem Liberalen Jürgen W. Möllemann: Ich werde zu Fuß von Bochum nach Münster laufen, wenn die FDP bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen mehr als 8 Prozent holt. Die FDP schaffte am 14. Mai stolze 9,8 Prozent. Also muss Clement laufen. Weil er Charakter hat und Weil er es kann (SPD-Wahlplakate).

Wir haben uns schon mal auf die Socken gemacht, sind als Pfad-Finder vorgelaufen, mit Kurs auf Möllemanns Münster: Hier geht's lang, Herr Clement!

Blauer Himmel über der Ruhr. Boochum, ich komm aus dir!, könnten Herbert Grönemeyer und Sie, Herr Clement, (und ich auch) gemeinsam schmettern. Von der gelb geklinkerten Graf-Engelbert-Schule im Ehrenfeld, wo Sie 1960 das Abi machten, starten wir über die Königsallee zum Schauspielhaus. Der verspielte Leander Haußmann ist gerade gegangen worden

der neue Intendant Matthias Hartmann setzt in Zukunft auf gehobene Kulinarik und renoviert das Haus kräftig. Deshalb können Sie die erste Tulpenlampe Deutschlands im Foyer zurzeit nicht bewundern. Ein imposanter Kronleuchter mit floral geschwungenen Armen und Gläsern in Form von Tulpenkelchen. Hoffentlich vergisst Hartmann bei der Renoviererei nicht die Toiletten aus den fünfziger Jahren.

Noch ungenießbarer sind nämlich nur die Bahnhofklos, ein Fall für das Gesundheitsamt. Der ganze Hauptbahnhof soll schon seit Jahren generalüberholt werden, aber nichts passiert. Liegt wohl nicht mehr in Ihrem Wahlkreis 125, Bochum Süd/Südwest! Im Bermuda-Dreieck, der größten Kneipen- und Gaststättenansammlung im Ruhrpott, ist heute Morgen noch tote Hose. Aber am Wochenende müssen Sie mal abends vorbeischauen, wenn halbstarke Jünglinge aus dem Sauerland die Sau rauslassen. Dagegen ist die Düsseldorfer Altstadt eine kreuzbrave Tränke.

Von Bochum-Gerthe nach Herne-Sodingen. Alles fließend, alles eine Sose, wie man hier sagt. Über den Kurt-Edelhagen-Platz (der Jazz-Bandleader war ein großer Sohn Hernes), dann rechts in die Jürgen-von-Manger-Straße (alias Adolf Bleibense Mensch Tegtmeier, noch ein großer Sohn) erreichen wir Mont-Cenis: eine futuristische Riesenkonstruktion aus Glas, Holz und Stahl, mitten im ärmlichen Sodinger Milieu. Wo bis 1978 Tausende von Bergmännern das Grubengold zutage förderten, bilden sich seit letztem August die Staatsdiener von Nordrhein-Westfalen fort. Mont-Cenis war 'ne ganz heiße Hölle, erzählt der alte Mann mit dem Drahtesel und der Aldi-Tüte am Lenker, da hattesse imma den Sarchdeckel überm Kopp. Er selbst habe - Gott sei Dank - immer über Tage malocht. Früher hießet immer: >Wer im Kohlenpott niesen muss, findet nachher ein Brikett im Taschentuch<, sagt der alte Mann. Aber dat is lange vorbei.

Drinnen entpuppt sich die Halle mit der gigantischen Glashülle als ein riesiger Wintergarten. Herrlich warm ist es, das ganze Jahr Temperaturen wie am Mittelmeer. Wir schlendern über Kieswege, vorbei an Kübelpalmen und Wasserbecken. Neben der Fortbildungsakademie mit einem Hotelbereich, der aussieht wie ein Containerblock für Bauarbeiter, ist hier auch ein Stadtteilzentrum mit Bibliothek und Bürgersaal untergebracht. In die Dachfläche wurde mit Photovoltaikmodulen das weltweit größte Solarkraftwerk integriert, lesen wir in einer schlauen Broschüre beim Cappuccino auf der Café-Terrasse.

Hier geht's lang, Herr Clement!

Wir müssen weiter, Herr Clement! Die propere Teutoburgia-Zechensiedlung, im Stil einer Gartenstadt Anfang der zwanziger Jahre erbaut, lassen wir links liegen. Castrop-Rauxel steht uns bevor. Renate Przybilski, beim SPD-Stadtverband angestellt, würde Sie gern ein Stück des Weges begleiten und die Vorurteile Lüge strafen: Castrop-Rauxel hat, glaube ich, 70 Prozent Grünfläche. Wie auf Bestellung grasen drei Dutzend Schafe mitten in der City neben dem denkmalgeschützten Fördergerüst von Schacht Erin 7. Sind Sie Hobbybotaniker, Herr Clement? Wenn ja, lohnt ein Abstecher in die Tundra- und Steppenlandschaft der früheren Zeche Victor III/IV. In dieser Industrienatur gedeiht der Hirschsprung auf Bergematerial, und gelb blüht jetzt das Norwegische Fingerkraut.

Im Norden ist die Castroper Stadtlandschaft aus vielen Flicken zusammengeschneidert. Vielfalt in der Einheit, sagt CDU-Merkel dazu. Wir passieren das Kohlekraftwerk Gustav Knepper mit dem kolossalen Kühlturm, ein renaturiertes Bächlein, die Kleingartenanlage Deininghausen, ein tief lila Blumenfeld, den Geflügelhof im Fachwerkstil mit artgerechter Tierhaltung, eine Pferdekoppel mit Ausbildungs- und Turnierstall, Wald über Wald. Alles eng auf eng.

Und dann plötzlich, mitten in der Pampa, der Untergang der Titanic! In einer alten Feuerwache präsentiert Andreas Pfeffer seine pfiffige Titanic-Ausstellung, darunter den Nachbau der A-Deck-Promenade im Maßstab 1 : 1 und ein Trümmerfeld von Wrackteilen. Andere Leute in meinem Alter - er ist 37 - bauen ein Haus, ich habe die Titanic gebaut, rechtfertigt sich der Jungunternehmer mit Pferdeschwanz. Auch die Recklinghäuser Oma von Titanic-Star Leonardo DiCaprio war schon da. Im Titanic-Café können Sie wählen, Herr Clement, zwischen Kokosschnittchen (1. Kl.) oder Schiffskeksen mit Zimt (3. Kl.).

In jedem Dorf ein Schulze oder Prumenkötter

Kurz danach sind wir anne Ämscha. Aus der Köttelbecke des Kohlenpotts ist trotz fortschreitenden ökologischen Umbaus noch längst kein Fluss mit Reinheitsgarantie geworden. Von der Brücke der Ickerner Straße riecht die Emscher immer noch dezent modrig, und in der Brühe ihres Kanalbetts ziehen wie gehabt Damenbinden vorbei. Zwei Mütterchen schieben ihre klapprigen Fahrräder durch ein Tor, in der Hand eine große Harke. Sie kommen vom Friedhof, der sich zwischen die stinkende Emscher und die lärmende sechsspurige Autobahn A 2 klemmt.

Ein paar Kilometer nördlich ragt das Alte Schiffshebewerk Henrichenburg am Dortmund-Ems-Kanal majestätisch aus der Landschaft. 1970 stillgelegt, später vom Bürger- und Schützenverein Waltrop-Oberwiese vor dem Abriss gerettet, jetzt Standort des Westfälischen Industriemuseums und ein Ankerpunkt der Route der Industriekultur. Ein verwunschener Ort, Erlebnisraum für Groß und Klein. Heute feiert hier die kleine Jessica mit einem Dutzend Freundinnen und Freunden ihren achten Geburtstag. Die Comicfigur Käpt'n Henri erklärt ihnen auf Infotafeln, wie ein Hebewerk im Modell funktioniert und was passierte, als Kaiser Wilhelm II. 1899 zur Eröffnung kam. Auf dem Motorgüterschiff Franz Christian, das nebenan vor Anker liegt, veranschaulicht eine leibhaftige Museumspädagogin den Kids Arbeiten und Leben an Bord.

Ruhrpott ade, Münsterland olé! Es wird grün, es wird ländlich, es wird schwer dörflich. Der Veranstalter einer lokalen Fußball-Dorfmeisterschaft legt im Aushang besonderen Wert darauf, dass die Spieler/Mannschaften auch in der restlichen Zeit des Jahres einen Bezug zum Dorf haben. Pferde und Kühe auf Weiden, gelbe Rapsfelder, Kreuze am Wegesrand. Und überall an den Backsteinhöfen locken Frische Eier, Stallkaninchen bratfertig zu verkaufen, Schweine- und Rindfleisch aus artgerechter Tierhaltung. Nehmen Sie einen mobilen Grill mit auf Tour, Herr Clement!

Hier geht's lang, Herr Clement!

Haus Sandfort ist ein verträumtes Wasserschloss. Den Hof kurz zu betreten und zu fotografieren ist erlaubt, das Innere des bewohnten Barockbaus nicht.

Friedrich Graf vom Hagen-Plettenberg, Herr über 250 Hektar Land- und Forstwirtschaft, musste etliche Hektar zur Verbreiterung des Dortmund-Ems-Kanals abtreten. Seit drei Monaten zerwühlen Bagger, Kräne und Laster die Flächen am Kanal. Darüber ist er nicht amüsiert. Die alte, mit Pappeln bepflanzte Trasse lieferte den Schiffen Windschutz. Jetzt wird der Damm verflacht und reicht weit in die Landschaft. Das ist ein tiefer Eingriff mit langjährigen Narben in die uns lieb gewonnene Landschaft.

Ein Wasserschloss weiter breitet sich Nordkirchen, das Versailles des Münsterlandes, barockpompös in der bäuerlichen Landschaft aus. Heute ist es Sitz der Fachhochschule für Finanzen NRW. Anfang der neunziger Jahre hatten wir im Internatsbetrieb 1600 Studenten pro Jahr, jetzt nur noch 600, klagt Burghard Schulz, der stellvertretende Schulleiter. Herr Clement wirbt doch landauf, landab für mehr Lehrstellen - und im öffentlichen Dienst gehen sie zurück. Es wäre sehr schön, wenn unsere anerkannt qualifizierte Ausbildung in dieser landschaftlich wundervollen Umgebung voll ausgelastet wäre. Im Klartext: Mehr Finanzbeamte braucht das Land, Herr Clement!

Bei Bauer Hubert Voss und seinem Sohn Antonius in der Bauerschaft Piekenbrock können Sie die Nöte der Landwirtschaft aus erster Hand erfahren. Da wirst du aber gleich geduzt, Herr Clement. Und die sind direkt heraus. Die Höhn ist die Schlimmste!, schimpft Bauer Voss senior, und ich sehe Sie schon im Geiste dazu nicken. Die hat die Hygieneverordnung bei der Milch doch viel zu hoch geschraubt. Die Milchwirtschaft mit 30 Kühen haben die Vossens aufgeben und widmen sich jetzt ganz der Ferkelaufzucht, rundwech immer 500 im Durchschnitt. Wenn Gästegruppen und Schulklassen kommen, erzählen die Bauern gern die Geschichte vom Hof, erklären beim Gang durch die Stallungen die komplette Aufzucht (Belegen, Wartezeiten, Abferkeln) und reichen einen Münsterländer Brotzeitteller.

Auf den heimeligen Pättkes laufen wir abseits der Verkehrsströme münsterwärts. Die schmalen, oft asphaltierten Wirtschaftswege führen durch Wiesen und Wälder, Felder und Bauerschaften, mehrere verstreute Gehöfte, wie Dorfbauerschaft, Kreuzbauerschaft, Oberbauerschaft. Schulze heißen die großen, Prumenkötter die kleinen Höfe. Im Davert wechseln sich ehemalige Moor- und Heidegebiete, heute aufgeforstet, mit altem Hochwald und offenem Gelände ab. Eine herrliche Stille, westfälischer Friede.

Münster ante portas. Es ist fast geschafft, Herr Clement! Unser Ziel ist Jürgen W. Möllemanns Bungalow im Stadtteil Gievenbeck. Aber der Fallschirm- und Automann - Mobilität am Himmel und auf Erden - ist ausgeflogen. Er sei auf silberner Hochzeitsreise in Südafrika, erfahren wir bei der lokalen FDP.

Durch die Grüne Gasse (das muss jetzt sein!) kommen wir zum Prinzipalmarkt, der arkadengesäumten guten Stube Münsters. Es fängt an zu regnen, und Sankt Lamberti läutet. Die drei Käfige, in denen die hingerichteten Wiedertäuferanführer 1536 als abschreckendes Beispiel vom Fürstbischof zur Schau gestellt wurden, sind wegen der Kirchturmsanierung verhüllt. Der Pastor würde die Käfige gerne ganz abhängen, hören wir im Vorbeigehen einen Touristenführer erzählen, aber die Stadt will nicht, weil sie das Wahrzeichen Münsters sind.

Hier geht's lang, Herr Clement!

Wir setzen uns ins traditionsreiche Stuhlmacher (elf verschiedene Biere vom Fass), gleich neben dem historischen Rathaus, und genehmigen uns ein Pils.

Die Durststrecke liegt hinter uns, jetzt sind Sie am Zug, Herr Clement. Glück auf!

Information

Termin: Ministerpräsident Wolfgang Clement wird vom 7. bis 11. August in fünf Tagesetappen die 96 Kilometer lange Strecke von Bochum nach Münster zurücklegen. Auf Anregung von Misereor verbindet Clement die Einlösung seiner privaten Wettschuld mit einer Spendenaktion für Kinderhilfsprojekte in Indien, Madagaskar und Ecuador. Wer Clement bei der Sommertour 2000 auf einer Etappe begleiten will, kann sich bis eine Stunde vor Beginn am jeweiligen Startort melden. Auskunft: Bürger-Telefon NRW 0180/310 01 10, Infotelefon Misereor 0241/44 21 27

Sehenswertes: Fortbildungsakademie Mont-Cenis, Mont-Cenis-Platz 1, Herne, Tel. 02323/96 50, geöffnet täglich 7-20 Uhr. Titanic-Ausstellung, Deininghauser Weg 95 (Alte Feuerwache), Castrop-Rauxel, Tel. 02305/98 25 30, geöffnet: Dienstag bis Freitag 12-18 Uhr, Samstag, Sonntag und an Feiertagen 11-18 Uhr, Eintritt 12 Mark, Kinder bis 14 Jahre 8 Mark. Altes Schiffshebewerk Henrichenburg, Am Hebewerk 2, Waltrop, Tel. 02363/970 70, geöffnet täglich außer Montag 10-18 Uhr. Eintritt 4 Mark, Kinder 2 Mark, Freitag Eintritt frei. Schloss Nordkirchen, Führungen Samstag und Sonntag stündlich 14-17 Uhr, mit Anmeldung bei der Fachhochschule für Finanzen (Tel.

02596/93 30) täglich 9-18 Uhr, Eintritt Erwachsene 4 Mark, Kinder 2 Mark

Stadtführungen Münster: Stattreisen (Infoline 0251/414 03 55) veranstaltet eine Vielzahl von Rundgängen

Hier geht's lang, Herr Clement!

Restaurants und Cafés: Tucholsky, Viktoriastraße 73, Bochum. Casino im Gebäude der Fortbildungsakademie Mont-Cenis. Titanic-Café in der Titanic-Ausstellung. Zur Lohburg (eigene Hausschlachtung, Gartenwirtschaft), Lohburger Straße 105, Waltrop. Schlosskeller im Schloss Nordkirchen. Hohe Lucht (Gartenwirtschaft), Oberbauerschaft 32, Kreuzung B 58/Münstersche Straße. Venner Moor, Venne 3 (Ortsteil von Senden). Stuhlmacher, Münster, Prinzipalmarkt 6/7

Für Kinder: Die Titanic-Ausstellung regt die Fantasien an. Im Alten Schiffshebewerk gibt es museumspädagogische Programme für Schulklassen, Gruppen im Vorschulalter und für Kindergeburtstage. Stattreisen Münster bietet spezielle Rundgänge und Stadterkundungsspiele an