Unumstritten ist sie ja nie gewesen, die Reform unserer Hochschulen. Und schon immer schieden sich die Geister daran, ob Gelehrtenrepublik oder Dienstleistungsbetrieb den Kern ihres Wesens erfassen. Doch jüngst ist eine sonderliche Ausweitung der Kampfzone zu beobachten, eine spürbare Erweiterung der Arena um den Bereich des Halbherzigen, Zaghaften und Inkonsequenten, in dem der alte Frontverlauf nicht mehr ganz so klar erkennbar ist. Denn die Reform, so scheint es, frisst ihre Kinder. Sie bringt etwas Neues auf den Weg, doch raubt sie ihm gleich wieder den Raum zum Gedeihen.

Halbe Kraft voraus, so lautet die Devise derzeit. Dabei ist man sich eigentlich weitgehend einig: Weniger staatliche Gängelung, mehr Autonomie für die Hochschulen - das ist das Herzstück der Reform. Denn Hochschulen sind wissenschaftliche Einrichtungen, die anders funktionieren als staatliche Anstalten und bürokratische Behörden. Autonomie ist die Voraussetzung dafür, dass Hochschulen ihre Aufgaben wahrnehmen und ihre Leistungsfähigkeit steigern können.

Gerade deshalb stehen traditionelle Formen der staatlichen Hochschulsteuerung genauso auf dem Prüfstand wie die innere Hochschulverfassung: Es gilt nicht mehr als selbstverständlich, dass der Staat die Professoren ernennt oder dass der Rektor lediglich Repräsentant der Hochschule ohne Entscheidungsmacht ist.

Mit einem Ausverkauf akademischer Werte, mit Humboldts Rausschmiss aus der Universität hat dies alles nichts zu tun. Wohl aber mit der Frage: Wie können die Hochschulen ihre Ziele - ihre wissenschaftlichen Ziele! - unter den veränderten Bedingungen einer Wissensgesellschaft am besten erreichen?

Die Einsicht, dass den Hochschulen durchaus mehr Eigenverantwortlichkeit zuzutrauen ist und nicht Chaos und Verantwortungslosigkeit grassieren, sobald das staatliche Regulierungskorsett gelockert wird - diese Einsicht ist erst jüngeren Datums. Selbst in einigen Ministerien, wo bis vor kurzem noch eifrig an einem Bonsai-Geflecht aus Gesetzen, Verordnungen und Erlassen gearbeitet wurde, gewöhnt man sich langsam an ein neues Steuerungsmodell, das die Hochschulen in die wissenschaftliche Autonomie entlässt.

Wettbewerb ist nicht mehr das Unwort, das noch vor kurzem sozial-nostalgische Bildungsplaner und eingefleischte Humboldtianer gleichermaßen auf die Palme trieb. Wer heute vom "Unternehmen Hochschule" spricht, gilt nicht mehr sofort als der Leibhaftige, der eine blinde Ökonomisierung von Hochschulen und ihre Aldiisierung betreibt. Die Zeichen stehen also auf Reform. Die grobe Richtung stimmt.

Für Optimismus ist es aber noch zu früh. Wo immer das Regulierungsnetz ein Stück weit gelockert wird, sind die alten Denkmuster gleich wieder zur Stelle. Loslassen ja, aber bloß nicht zu viel! Die eine Hand gewährt Autonomie, die andere kassiert sie gleich wieder ein.