In Canettis Werk gibt es den anschaulichen Begriff der "Verwandlung" und die Auffassung, der Dichter wäre der Hüter derselben. Verwandlung ist ein Gegenbegriff zu Erstarrung, in der Menschen zum Beispiel verharren, wenn sie sich ängstigen. Aber um zu erstarren, bedarf es keiner extremen Situation

es genügt der Alltag, in dem man sich auf seine Rolle festlegt und zur Maske, zur Person seiner Funktion, wird. Verwandlung bedeutet, sich solchen Festlegungen zu entziehen, und was der Dichter hütet, ist nach Canetti die Möglichkeit eines jeden Menschen, ein anderer zu sein.

Der Dichter Ernst Jandl, geboren am 1. August 1925, gestorben am 9. Juni 2000, war der größte Verwandlungskünstler, den ich erleben durfte. Oft war Ernst Jandl traurig, "depressiv", saß in sich zusammengefallen und rührte sich kaum. Aber wenn er seine Gedichte vortrug, hatte sich eine Lebenskraft seiner bemächtigt, die ihn auf den Wegen seiner Sprache, auf ihren Umwegen und Abkürzungen, auf ihren Oberflächen und Hintergründen, beseelte. Gewiss hatte Ernst Jandl auch im Alltagsleben so genannte Temperamentsausbrüche, aber die kamen mir immer wie das Resultat einer Unfreiheit vor, während der Dichter der freieste Mann von der Welt war, der seine Leser und Hörer zu ihrer eigenen Freiheit anstiften konnte.

Ich glaube, dass zwei Taschenbücher mit seinen Gedichten Ernst Jandl besonders viel bedeuteten: Laut und Luise und Sprechblasen, beide bei Reclam erschienen. Reclam-Hefte sind im Umlauf, und wenn es auch kaum einen Dichter geben mag, der sich über eine Vielzahl von Lesern nicht freut, so war Ernst Jandl außerordentlich glücklich darüber, wenn seine Gedichte im Alltag der Leute Anklang fanden. Im Nachwort zu Laut und Luise verteidigt Helmut Heißenbüttel Jandls Gedichte noch gegen den Vorwurf, sie wären keine. Das ist eine heute nicht mehr nötige Liebesmüh. Ein Kanon deutscher Lyrik kommt ohne "schtzngrmm" und ohne "falamaleikum/falamaleitum/falnamaleutum/falnamalsooovielleutum" nicht mehr aus. Dass das Gedicht kein Spaß ist, muss der Weiterlesende sofort zur Kenntnis nehmen: "wennabereinmalderkrieglanggenugausist/sindallewiederda/oderfehlteiner?"

In einer autobiografischen Notiz schrieb Jandl: "ein titel wie laut und luise kommt nur einmal im leben vor, und man hat auch nur einmal im leben eine mutter, die luise heißt." 1968, zwei Jahre nach Laut und Luise, folgten die Sprechblasen. Darin die berühmt platzende Blase: "spruch mit kurzem o" und fast eine halbe Seite darunter in der Mitte: "ssso." Das waren Sprechtexte, und zu Recht hat Jandl gegen die Vorstellung opponiert, nur er selbst könne sie zum Vortrag bringen. So grandios er sie auch lesen konnte, möglich war das doch nur deshalb, weil diese Texte nicht eine partikuläre Stimme, sondern eine Möglichkeit der menschlichen Stimme überhaupt verkörpern. Es werden Leute kommen, die diese Möglichkeit wahrnehmen, und seien es solche, die Jandls überlegene Vortragskunst nicht gleichermaßen im Ohr haben wie seine Zeitgenossen.

Im Deutschen Taschenbuchverlag ist eine von Jandl selbst besorgte, minimale, aber gewichtige Auswahl aus seinem Werk erschienen. Sie trägt den Titel lechts und rinks nach seinem berühmten Gedicht lichtung, demgemäß es ein Irrglaube, also "ein illtum" ist, dass man lechts und rinks nicht "velwechsern" kann. Das Wort "Lichtung" besagt für mich einerseits "Dichtung", andererseits aber auch, dass durch die Dichtung Licht in die Sache gebracht wird. Besser als dieses selber verwechselnde Gedicht kann man nicht sagen, dass, gleichgültig, was "manche meinen", rechts und links jederzeit zur Verwechslung anstehen. In den dtv-Band hat Ernst Jandl auch einen Gebrauchstext aufgenommen, der ihn von seiner politischen Seite zeigt.

Er polemisiert gegen einen Gegner des österreichischen EU-Beitritts: "alle argumente gegen einen beitritt sind scheinargumente, mehr oder minder geschickt getarnte lügen, vorgetragen mit geheucheltem verantwortungssinn, hinter dem sich eine teuflische fratze verbirgt. der teufel besitzt keine erkenntnis, keine inspiration ..."