Die Verlautbarungen der Vereinten Nationen über die gegenwärtigen Plagen und Probleme der Menschheit scheinen fast auf Afrika beschränkt zu sein und werden wie düstere Hitparaden des Schreckens präsentiert. Die Wirtschaft kennt Schwarzafrika nur als willigen Lieferanten von Bodenschätzen, als gierigen Abnehmer von Waffen, als Route des Drogenhandels, als gewinnversprechende Lagerstätte von Sondermüll oder Restmarkt für Billigkonsumgüter. Politik und Diplomatie haben nach dem Ende des Kalten Krieges das Interesse verloren. Afrika ist wieder der "dunkle Kontinent".

Doch der "dunkle" Kontinent ist ein Ort unvergleichlichen Wandels. Es gibt keinen Lebensbereich in Afrika, der im vergangenen Jahrhundert nicht große Veränderungen erfahren hat. Vor allem ist Afrika zu einem Experimentierraum unterschiedlichster Formen von politischer Herrschaft geworden. Sie reichen von der Demokratisierung über das Festhalten an nachkolonialen "Beuteregimen" bis zum Staatszerfall. Drei Erscheinungen der politischen Ordnungen Afrikas sollten wir in Europa besonders aufmerksam verfolgen: den Zerfall des Staates, die Vorherrschaft der konzentrischen sozialen Welt und den Siegeszug der Parastaatlichkeit. Womöglich können wir an diesen Erscheinungen mehr über uns selbst und unsere Zukunft lernen, als uns lieb ist.

Die koloniale Expansion Europas war eine Revolution der Macht. Es ging um die Verwirklichung der Herrschaftsutopie des westlichen Staates. Zweifellos war diese Expansion sehr erfolgreich. Die Erde wurde zu einem Ort des globalisierten Anspruchs auf Staatlichkeit. Heute jedoch, nach fast einem halben Jahrhundert postkolonialer Herrschaft, ist in vielen Regionen Schwarzafrikas das Scheitern der europäischen "Herrschaftsexpedition" offenkundig.

Der koloniale wie der postkoloniale Staat verstrickten sich in den Widrigkeiten, die auf dem Weg zu moderner Staatlichkeit zu bestehen sind. An erster Stelle betrifft das den veralltäglichten Gebrauch der Gewalt. Kolonie und Postkolonie blieben im administrativen und politischen Despotismus stecken. Die Beziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten kennen kein Basisvertrauen. Die Verwaltung ist unwissend und verzehrt ihre Kräfte in den vielfältigen Strategien der Widerständigkeit, mit denen ihr die Menschen begegnen. Kolonie und Postkolonie waren um die rechtsstaatlichen und freiheitlichen Seiten des westlichen Staates verkürzt: In der Kolonialzeit traf der politische Despotismus alle antikolonialen Regungen, in der Postkolonie traf er die "Opposition" und alle, die sonst noch den mörderischen Blick des "Großen Patrons" - des Staatspräsidenten, Regierungschefs oder "starken Mannes" - auf sich zogen. In einem als Gefängnis ausgegebenen Loch zu enden gehörte zur Erfahrung der Menschen, die antikolonialer oder oppositioneller Regungen beschuldigt wurden

besonders in den nachkolonialen Regimen ist Opposition lebensgefährlich.

Im gewaltbestimmten Herrschaftsalltag von Kolonie und Postkolonie zeigt sich die organisatorische Ohnmacht der Verwaltung. Niemals waren koloniale und postkoloniale Herrschaft wirkliche Territorialherrschaft. Ihre Gesetze und Verordnungen waren papierene Pläne und Hoffnungen. Vor allem kamen sie nicht ohne lokale Mittler aus. Von diesen Mittlern gab und gibt es viele, vom Dolmetscher über den Ältesten bis zum heutigen Parlamentsabgeordneten. In Schwarzafrika ist ihr Protagonist der "Häuptling", "chief" oder "chef". Mit der Postkolonie wurde die staatliche Organisationsmacht noch schwächer.

Inzwischen erbringt die nachkoloniale Verwaltung nicht einmal mehr grundlegende staatliche Leistungen und hängt am Tropf der Entwicklungshilfe - von der Spende für die humanitäre Nothilfe bis zur militärischen Aufrüstung.