Um die deutsche Rechtschreibung ist neuer, sonderbarer Kampf entbrannt. Seit die Möglichkeit ins Auge gefasst wurde, die ungeliebte Reform durch einen Akt organisierter Verweigerung rückgängig zu machen, wird dafür getrommelt, als ginge es um den Erhalt der deutschen Sprache selbst. Schon haben sich der Hochschulverband und die Akademie für Sprache und Dichtung der Frankfurter Allgemeinen Zeitung angeschlossen, die seit Anfang August wieder die alten Regeln befolgt. Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) hat sich bereit erklärt, ihr nachzutun, falls eine Mehrheit der Zeitungen das wünsche. Stellvertretend für viele hat Günter Wallraff den Unmut über die Reform artikuliert: "Hier wurde der deutschen Sprache von selbstherrlichen Bürokraten in vielerlei Hinsicht Gewalt angetan. Die wenigsten können diese von oben herab diktierte Schreibverordnung nachvollziehen. Resultat: Keine verbindlichen Regeln mehr und allgemeine Verunsicherung."

Zweifellos haben viele sich noch nicht an die neuen Regeln gewöhnt.

Zweifellos hat die Reform nicht nur alte Spitzfindigkeiten getilgt, sondern auch neue Ungereimtheiten geschaffen. Trotzdem liegt in Wallraffs Klage etwas Befremdliches. Die Befremdlichkeit steigert sich, wenn die Klage von jenen wiederholt wird, die durch ihr Ausscheren aus der Reform die Verunsicherung noch vermehren werden. Sollten am Ende die neuen Regeln nur mehr in Schulen und Behörden gelten (noch dazu mit Ausnahme Schleswig-Holsteins), wäre das Durcheinander perfekt und jener Zustand vor der Rechtschreibreform von 1903 wiederhergestellt, als die Menschen schrieben, wie sie wollten, und nur die Verwaltungen der Länder sich an (konkurrierende) Vorschriften hielten. Daran wäre auch gewiss nichts Schlimmes

doch kann es keineswegs im Sinne jener sein, die das Ende der Verbindlichkeit beklagen.

Manches spricht darum dafür, dass der antiautoritäre Gestus (in Wallraffs Wendung gegen die Bürokraten) nur scheinbar ist und es in Wahrheit um eine Machtprobe geht, in der die eine Autorität gegen die andere ausgespielt werden soll. Denn in der Klage über das Ende der Verbindlichkeit steckt immer eine Sehnsucht nach Autorität, die man in diesem Falle, als gelte es, einen alten pädagogischen Verdacht zu bestätigen, in der Orthografie gefunden hat.

Sie ist die gute, die angestammte und durch Herkommen geheiligte Autorität.

Die Bürokratie dagegen ist die schlechte, angemaßte Autorität. Die Bürokraten haben sich an der Autorität der Schreibung vergriffen