Die Galerie des Todes gibt sich keine Blöße. Wie ein eisiger Schutzschild ziehen sich die gewaltigen Hängegletscher in 6000 Meter Höhe um den Nanga Parbat. Seit Stunden suchen die vier Bergsteiger nach einem Weg durch die Eis spuckenden Kolosse, Séracs genannt. Nur wenn sie eine halbwegs sichere Einstiegsstelle durch diese gefürchteten Barrieren finden, ist ein Aufstieg zum Gipfel ohne Lebensgefahr möglich. Endlich entdeckt einer mitten im Gletscherbruch eine 85 Grad steile Schwachstelle des Berges. Jetzt, glauben Reinhold Messner und seine drei Weggefährten, steht einem Aufstieg zum Nanga Parbat nichts mehr im Wege.

Rückblende: 9. Juli 2000. Messner sitzt vor dem großen Speisezelt und liest.

Wenn er aufblickt, sieht er die 8125 Meter hohe Gipfelwand direkt vor sich.

Auch die anderen Expeditionsteilnehmer lesen. Nichtstun ist die beste Strategie, den Körper an die Höhe zu akklimatisieren.

Anderthalb Wochen zuvor war die Truppe von München nach Pakistan aufgebrochen. Vor zwei Tagen schlug sie in 4200 Meter Höhe das Basislager auf: drei Zelte für die fünf Teilnehmer, außerdem ein Küchenzelt, ein Zelt für die Mahlzeiten und Lagebesprechungen, Zelte für den Koch, den Begleitoffizier und die beiden Hochträger, die das vorgeschobene Basislager versorgen sollen.

Seit der Ankunft haben die Bergsteiger das gesamte Expeditionsgepäck für den Aufstieg bis ins kleinste Detail penibel auf die Probe gestellt: Sämtliche Hochzelte wurden aufgebaut und durchgesehen, der Bestand an Eisschrauben, Karabinern, Seilen überprüft. Die Lebensmittel wurden gecheckt, die Rucksäcke, die Kleidung und ganz besonders sorgfältig die Skiausrüstung, die man beim Auf- und Abstieg einsetzen will.

Messner reist gern mit Freunden. Diesmal sind seine Begleiter allesamt Südtiroler. Hubert Messner, der zehn Jahre jüngere Bruder, der schon in Grönland, am Nordpol und in der Mongolei an seiner Seite war. Der Bozener Kinderarzt ist auch der Medizinmann der Expedition. Hanspeter Eisendle, ein exzellenter Fels- und Eiskletterer aus Sterzing. Wolfgang Wolfi Thomaseth, der bergsteigende Kameramann aus Terlan, auch er ein geprüfter Messner-Begleiter. Nebenbei verspricht diese Kombination beste Unterhaltung für besinnliche Abendstunden. Watten, das Südtiroler Nationalspiel, setzt eine gerade Anzahl Spieler zwingend voraus. Mit einem Durchschnittsalter von 50 Jahren bilden die Familienväter wohl die älteste Expedition, die jemals zu einem der großen Berge aufgebrochen ist.