In Zeiten wie diesen wartet eine linke Zeitung hierzulande lieber nicht auf runde Jubiläen, um sich selbst zu feiern. Die in Berlin erscheinende Wochenzeitung Jungle World lud in der letzten Woche zu einer großen Party anlässlich ihres 3. Geburtstags - Motto: "Staying Alive".

Wer die aktuelle Marktlage kennt, kann es den Herstellern dieses höchst unwahrscheinlichen Produkts kaum verdenken, dass sie jede Gelegenheit wahrnehmen, ihr Überleben zu begießen: So sieht sich die Konkurrenz von der Wochenzeitung Freitag in diesem Sommer - nur wenige Monate vor dem 10.

Geburtstag - mit lebensbedrohlichen Verlusten konfrontiert. Nur ein dramatischer Spendenaufruf des Herausgebers Günter Gaus konnte vorerst das Bestehen sichern. Und auch die tageszeitung muss in ihrem 21. Jahr wieder einmal zum Mittel der moralischen Erpressung des Lesers greifen: Bis Ende Oktober sollen 3000 neue Abonnenten gewonnen werden. Die junge welt, PDS-nahes Ostpendant der tageszeitung, kupfert neuerdings ungeniert die suizidären taz-Methoden ab: "1000 Abos oder Kuckuck" - so schnarrend tönte es kürzlich von vielen Berliner Plakatwänden.

Die überraschend unverzagten Macher der Jungle World haben für solche uncharmanten Kampagnen nur Verachtung übrig. Ihrer Zeitung ist das Erstaunen darüber anzumerken, dass es sie immer noch gibt, und der Stolz darauf, dass dies auch noch ganz ohne pathetisch aufgemotzte Bettelei geht.

Jungle World, im Sommer 1997 als Abspaltung der jungen welt entstanden, erscheint jeden Mittwoch in einer Auflage von etwa 15 000 Exemplaren. Werbung gibt es kaum, man finanziert sich fast ausschließlich durch Abonnements. Die 15 Mitglieder der selbst verwalteten Redaktion können sich nach den brotlosen Anfängen mittlerweile ein Gehalt von 2000 Mark brutto zahlen.

Niemand hier redet sich solche Verhältnisse schön. Mag schon sein, dass Geld abhängig macht, aber Armut ist eben auch nicht gleichbedeutend mit Unabhängigkeit. Man pflegt überhaupt einen eher rauen, entschieden unsentimentalen Ton. Fromme Rituale der Linken wie die Rosa-Luxemburg-Verehrung - der Marienkult der linksradikalen Szene - fordern den Spott der Jungle World heraus, ohne Rücksicht auf die unvermeidlichen Abokündigungen wegen politischer Inkorrektheit.

Ein Hauptgrund für die seinerzeitige Abspaltung der Dissidenten von der jungen welt war der latente und manifeste Antisemitismus in der dortigen Berichterstattung über den Nahen Osten und Israel. Die Position der Jungle World letztes Jahr im Kosovo-Krieg war vielen Lesern ein Ärgernis. Zwar blieb man unbeirrt in der Ablehnung des Krieges, aber in der Zeitung war kein Platz für die Schönfärberei des serbischen Nationalismus, deren sich andere linke Medien wie etwa konkret befleißigten.