Seine Lieblingsrolle, mit der Hans Eichel beim Publikum Furore machte, kann der Finanzminister erst einmal vergessen: Nach der Versteigerung der UMTS-Lizenzen ist er in den Augen der Bürger nicht mehr der nackte Mann, dem niemand in die Tasche greifen kann.

Von Tag zu Tag wird die Reihe von Politikern und Lobbyisten länger, die in die schon bald gefüllten Taschen des Bundesfinanzministers greifen wollen. Sozialdemokratische Länderregierungschefs - von Kurt Beck bis Sigmar Gabriel - wollen mehr Geld für Bildungs- und Verkehrsprojekte. Andere Parteifreunde Eichels, wie Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe oder der SPD-Fraktionsgeschäftsführer Wilhelm Schmidt, wollen Geld zur Bekämpfung des Rechtsradikalismus abzweigen. Bayerns Regierungschef Edmund Stoiber (CSU) möchte Arbeitnehmer schnell und kräftiger steuerlich entlasten. Der baden-württembergische Freidemokrat Walter Döring sähe es am liebsten, wenn der Solidaritätszuschlag gestrichen würde.

Interessenvertreter des Mittelstands wollen den Spitzensteuersatz stärker senken und die geplante Vergünstigung bei Unternehmensverkäufen vorziehen. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und Sozialpolitiker wie der Sozialdemokrat Ottmar Schreiner plädieren dafür, Abfindungen für Arbeitnehmer, die ihren Arbeitsplatz verlieren, steuerlich zu entlasten. In Umkehrung des Volksmundes macht nicht die Not, sondern der unerwartete Geldsegen erfinderisch.

Doch so gigantisch die Versteigerungserlöse auch sind, für eine Lockerung des Sparkurses können sie keine Rechtfertigung sein. Es wäre nicht nur "unseriös" - wie der Bundesfinanzminister zu Recht erklärt -, dauerhafte Ausgaben oder Steuererleichterungen "über Einmal-Einnahmen" zu finanzieren. Wer jetzt schon wieder die Geldschleusen öffnen will oder zusätzlich zur gerade erst beschlossenen Steuerreform mit weiteren Einnahmeausfällen draufsatteln will, verkennt auch die wahre Haushaltslage des Bundes.

Zweifellos ist Eichel auf dem richtigen Weg, wenn er mit Rückendeckung von Kanzler Gerhard Schröder die Einnahmen aus der Lizenzversteigerung ausschließlich zur Tilgung der Schulden verwenden will. Zum ersten Mal seit 1961 gelingt es damit einer Bundesregierung, den Schuldenberg zu vermindern. Aber der Abbau in diesem Jahr bleibt vorerst ein einmaliger Ausreißer. In den nächsten Jahren wird der Schuldenstand des Bundes, der sich seit 1990 auf mehr als 1,4 Billionen Mark fast verdreifacht hat, wieder wachsen - allein im kommenden Jahr um gut 46 Milliarden Mark. Nach Eichels durchaus ehrgeiziger Finanzplanung wird erst Mitte der nächsten Legislaturperiode der laufende Haushalt ausgeglichen sein und ohne weitere Nettokreditaufnahme auskommen.

Zusätzlichen Spielraum für bisher nicht eingeplante Ausgaben gewinnt Eichel nur, weil er durch die vorzeitige Rückzahlung von Krediten Zinsen spart - bei je zehn Milliarden Mark Tilgung sind das etwa eine halbe Milliarde. Insgesamt belaufen sich die Zinsausgaben des Bundes in diesem Jahr auf rund 80 Milliarden Mark.

Es ist schon verständlich, wenn auch die Länder an dem Milliardensegen teilhaben wollen. Ihr Argument: Sie müssten wegen der hohen Lizenzpreise Verluste bei ihren Steuereinnahmen hinnehmen. Tatsächlich gehören die ersteigerten Lizenzen als "immaterielles Vermögen" zu den Aktiva der Unternehmen, die sie nach den Plänen des Berliner Finanzministeriums während der veranschlagten Nutzungsdauer von 20 Jahren linear abschreiben können - also jährlich fünf Prozent des Anschaffungspreises. Die Abschreibungen mindern nicht nur den Gewinn, sondern auch die Körperschaftsteuer, die jeweils zur Hälfte in die Kassen von Bund und Ländern fließt.